22.06.2020 – Kategorie: Technologie
Robotic Process Automation: Vom Trugschluss der Automatisierungs-Tücken
Bereits seit der Industrialisierung wird über die Auswirkungen der Automatisierung auf den Arbeitsmarkt diskutiert. Schon früher erleichterten Maschinen die Arbeit des Menschen und sorgten für mehr Effizienz bei der Produktion, schürten aber auch die Angst, Arbeit und damit Einkommen zu verlieren.
Wie die Studie „Robotic Process Automation: Sonderanalyse zur Lünendonk-Studie Der Markt für IT-Beratung und IT-Service in Deutschland“ von 2019 zeigt, befindet sich Robotic Process Automation (RPA) auf dem Vormarsch. So setzen elf Prozent der befragten Unternehmen die Technologie bereits in großem Umfang ein, während weitere 27 Prozent die Technologie zur Automatisierung von einzelnen Anwendungsbereichen implementierten.
„Durch die zunehmende Automatisierung von Prozessen sowie den Einsatz von Robotern und künstlicher Intelligenz kommt nun erneut die Sorge auf, dass Maschinen langfristig den Menschen ersetzen und aus dem Berufsleben verdrängen“, erklärt Alexander Steiner, Chief Solution Architect bei der meta:proc GmbH.
Zudem gaben 59 Prozent der Befragten in der Lünendonk-Studie an, in den Jahren 2019 und 2020 gezielt in den Bereich RPA investieren zu wollen. „Dieser Einschnitt geht einem gewaltigen Wandel auf dem Arbeitsmarkt voraus“, so Steiner. Entgegen der einhelligen Meinung lässt sich allerdings weniger eine Gefährdung von Arbeitsplätzen, sondern eher eine große Nachfrage nach qualifiziertem Personal prognostizieren.
Robotic Process Automation: Stellenabbau als Vorgabe ungeeignet
Hat sich die Befürchtung von damals, RPA sei ein Jobkiller, seit der aktiven Umstellung bewahrheitet? „Nur in den wenigsten Fällen“, weiß Steiner. „Und zwar immer genau dann, wenn Unternehmen Robotic Process Automation offensiv zum Stellenabbau nutzten. Diese Strategie erweist sich allerdings als nicht empfehlenswert, denn sie läuft auf einen Verlust der gesamten Belegschaft hinaus – auch von jenen, deren Arbeit von Bots profitiert.“
Aufgrund des vorherrschenden Fachkräftemangels müssen deutsche Firmen bei Kündigungen sehr bedacht agieren. Eher noch versuchen sie ihr Personal von repetitiven Aufgaben zu befreien es und auf seine Kernkompetenzen zu fokussieren. 61,5 Prozent der Unternehmen, die RPA bereits in ihre Arbeitsabläufe integriert haben, geben als Grund die Optimierung und Standardisierung bestehender Ist-Prozesse an – Verbesserungen erhoffen sie sich vor allem in den Bereichen Umsatz, Kosteneffizienz und Kundenzufriedenheit. Die Hoffnung auf Stellenabbau befindet sich nicht unter den Nennungen (siehe IDG Studie: „Process Mining & RPA“; 2019).
Angesichts neuster Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung erscheint dieser auch überhaupt nicht möglich: Im ganzen Jahr 2019 leistete die Gesamtzahl der Beschäftigten in Deutschland mehr als 1,9 Milliarden Überstunden (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung: Durchschnittliche Arbeitszeit und ihre Komponenten in Deutschland, 2020). „Dieses durch Arbeitsplatzstreichung entstehende Vakuum könnte auch Automation nicht auffangen“, warnt Steiner.
Robotic Process Automation: Know-how für sehr komplexe Abläufe
Zudem sieht das Forschungsinstitut ISG den Sourcing-Markt auf Rekordhöhe (ISG Index: Outsourcing-Markt stieg in der EMEA-Region im ersten Quartal um fast 4 Prozent 2020) – ein weiteres Risikoszenario für Unternehmen, die durch hohe Kündigungszahlen mittelfristig das Know-how für sehr komplexe Abläufe in den ausgelagerten Bereichen nach und nach verlieren würden. Dadurch entstehen Brüche in Prozessketten, die ihnen die Arbeit in den Kernbereichen erschweren.
Trotz RPA mangelt es in deutschen Unternehmen nicht an Beschäftigung. Bereits in der Vergangenheit zeigte sich, dass Arbeitnehmer eine Verdrängung durch Bots nicht fürchten müssen. Als die große Welle der Automatisierung hauptsächlich über die Industrie kam, verschlankten sich ganze Fertigungslinien unter den kritischen Augen der Angestellten. Doch nach 30 Jahren Automatisierung müssen alle Parteien feststellen: Es gibt in Deutschland mehr Jobs als jemals zuvor (Statistisches Bundesamt: GENESIS-Online Datenbank; 2020).
Bot und Mensch in Kooperation
„Durch RPA heben Unternehmer ihr Leistungsniveau nach oben und um dieses langfristig zu halten, benötigen sie wiederum mehr Personal“, so der Chief Solution Architect bei meta:proc. Da sich die Arbeitsweise dennoch stark verändert, einfache Aufgaben wegfallen und somit allen Mitarbeitern mehr Spielraum zur Verfügung steht, gilt es eine saubere Perspektive aufzuzeigen.
„Vorausschauendes Change-Management stellt sich dabei als Schlüssel zum Erfolg heraus“, führt Steiner aus. „Transparenz und eine klare Kommunikation gegenüber der Belegschaft helfen Ängste abzubauen und die gesamte Firma in ein Boot zu holen.“ Mit dieser Form der Zusammenarbeit zwischen Robotic Process Automation und der unverzichtbaren menschlichen Komponente gelingt eine deutliche Steigerung der Kundenzufriedenheit, aber auch Mitarbeiterzufriedenheit.
Robotic Process Automation: Mehr Kapazität für das Personal
Immer häufiger fallen auch in mittelständischen Unternehmen große Mengen an digitalen Daten an, die das menschliche Gehirn nicht mehr verarbeiten kann. Ein Bot allerdings zeigt sich fähig, auch diese Massen in einen Kontext zu bringen, zu verarbeiten und verständlich auszugeben. Langfristig stößt er an seine Grenzen, sobald eine Aufgabe Kreativität und Flexibilität erfordert.
„Es wird immer Bereiche geben, in denen RPA trotz künstlicher Intelligenz an ihre Grenzen stößt“, weiß der Automatisierungsexperte. „Trotzdem sorgt sie für eine Verbesserung in diesen Domänen, indem sie Kapazitäten für das Personal freischaufelt. Bots übernehmen die zeitaufwendigen Routineaufgaben und der Mensch kann sein volles Potenzial auf sein Spezialgebiet konzentrieren.“ So lässt sich festhalten, dass Robotic Process Automation keine Jobs eliminiert, sondern stattdessen neue Herausforderungen in anspruchsvollen Themengebieten schafft – was qualifiziertes Personal noch wichtiger macht als je zuvor. (sg)
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