Oracles Übernahme von Sun – Überraschung mit Fragezeichen

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Seit Montag wurden bereits viele Artikel und Blogbeiträge rund um die Absicht von Oracle Sun Microsystems für 7,4 Mrd. Dollar zu übernehmen veröffentlicht. Während es noch eine ganze Weile dauern wird, bis die vollständigen Auswirkungen des Deals – auch im Hinblick auf kartellrechtliche Bedenken – zu überblicken sind, analysiert Pierre Audoin Consultants (PAC) an dieser Stelle die Eckpunkte der Übernahme. Was bisher geschah

Oracle profitiert von dem Umstand, dass ein Übernahmeversuch von Sun Microsystems durch IBM erst Anfang April scheiterte. Das Angebot Oracles erscheint zwar sehr hoch, ist jedoch nicht wesentlich höher als IBM Berichten zufolge zu investieren bereit war. Sowohl Oracle als auch IBM hatten über die letzten Jahre sehr stark, oftmals auch durch Akquisitionen, in ihr Softwareportfolio investiert. Daher stehen sie sich zunehmend auch als Wettbewerber gegenüber.

Sun hatte in den letzten Jahren mit seinem Technologie-getriebenen Ansatz Schwierigkeiten, seine Produkte gewinnbringend zu verkaufen. Oracle hingegen verfolgt eher einen Business-getrieben Ansatz und hat auch in der Vergangenheit bei seinen zahlreichen erfolgreich verlaufenen Übernahmen, wie beispielsweise von Peoplesoft, BEA Systems oder Siebel, bewiesen, dass es akquirierte Unternehmen schnell profitabel integrieren kann. Allerdings könnte es sich bei der Akquisition von Sun etwas anders verhalten, nicht zuletzt da sich die Weltwirtschaft momentan in einer eher schwierigen Situation befindet und der Hardware-Markt generell eher durch niedrige Margen und hohen Wettbewerbsdruck gekennzeichnet ist.

Software

Vor dem Hintergrund von Oracles Software-Strategie ist dieser Schritt durchaus sinnvoll. Aus Sicht des Marktanalyse- und Beratungshauses PAC wird Oracle durch diese Übernahme weiter in den Infrastruktur-Software-Markt vordringen und dabei seine Wettbewerbsposition verbessern können. Vier Produkte bzw. Technologien spielen hierbei eine wichtige Rolle:

* Oracle sichert sich mit Java für Entwicklungsplattformen einen Branchenstandard, der von vielen Oracle-Partnern und Wettbewerbern (wie beispielsweise IBM) genutzt wird. Zudem bildet er die Grundlage für Oracles Fusion Middleware- und Datenbank-Angebote. “Oracle wird mit diesem Schritt zudem mehr Kontrolle über diese kritische Technologie haben, obwohl natürlich die Java-Community versuchen wird, diese Bestrebungen im Rahmen zu halten”, so Melanie Mack, Consultant bei PAC.

* Das Betriebssystem Solaris, ein führendes Unix-Betriebssystem, stellt des Weiteren eine wichtige Plattform für die Oracle-Datenbank dar. Wäre IBM bei Sun zum Zuge gekommen, hätte das Unternehmen vermutlich seine DB2-Datenbank mit Solaris zu Lasten Oracles stärker integriert. Hier hat nun Oracle einen Vorteil. Nicht zuletzt trifft es aber auch einen anderen gemeinsamen Konkurrenten von Oracle und IBM – nämlich Microsoft. Oracle erhält durch Solaris neben einer breiten Kundenbasis ein solides Betriebssystem, das den Microsoft Windows Server unter Druck setzen kann.

* Im Gegensatz zu Java und Solaris hat Oracle-Chef Charles Phillips bislang sehr wenig zum Wert der Open-Source-Datenbank MySQL für sein Unternehmen verlauten lassen. Für die Kunden dürfte vor allem interessant sein, wie Oracle die Datenbankprodukte zukünftig positioniert. Aus Sicht von PAC ist es durchaus möglich, dass MySQL das Produktportfolio von Oracle ergänzen wird. Während sich Oracles Database 11g beispielsweise durch seine Skalierbarkeit eher für Rechenzentren von Groß;unternehmen eignet, lässt sich MySQL besser auf den Mittelstand ausrichten, in dem die Endbenutzer den Source-Code individuell an ihre Bedürfnisse anpassen können.

* Aus Sicht von PAC ist die Übernahme in Bezug auf Java und Solaris zweifellos sinnvoll für Oracle. “Aufklärungsbedarf besteht aber noch, was Oracles weitere Open-Source-Strategie betrifft”, so Lynn Thorenz, Senior Consultant bei PAC. Sun ist sehr stark im OpenOffice.org-Projekt engagiert. Hier könnte Oracle seine Vertriebsstärke mit ins Spiel bringen und so Microsoft unter Druck setzen.

Hardware

Bezüglich des Hardware-Geschäfts stellt sich momentan die Frage, welche Pläne Oracle hier hat. Neben einer groß;en installierten Kundenbasis gewinnt Oracle vor allem “State-of-the-Art”-Hardware-Technologie und Rechenzentrumskapazität hinzu, die auch im Hinblick auf die Cloud-Strategie interessant sein dürfte. Bisher hat Oracle allerdings bei Hardware auf Partner wie HP oder Dell gebaut und bewegt sich nun auf unbekanntem Terrain. Es bleibt abzuwarten, wie das Segment mit niedrigen Margen sich auf den Gesamtgewinn von Oracle auswirken wird. Einen Wachstumstreiber könnten eventuell die Smart Appliances darstellen. Aus Sicht von PAC erscheint aber auch ein späterer Verkauf der Hardware-Sparte eine mögliche Option. In Krisenzeiten dürfte allerdings der Interessentenkreis mit der nötigen finanziellen Ausstattung begrenzt sein.

Virtualisierung & Cloud Computing

Nicht zuletzt könnten auch die Virtualisierungsprodukte sowie Suns Cloud Computing-Strategie das Oracle-Portfolio bereichern. Sun verfügt hier neben Rechenzentrumskapazitäten auch über interessante Software- und Hardware-Lösungen. VMware bleibt im Bereich Virtualisierungssoftware nach wie vor dominierender Player. Aber Oracle könnte mit Sun mehr Zugkraft erhalten, um in diesem Wachstumsmarkt zukünftig durchzustarten.

Auswirkungen auf die Partnerlandschaft

Die Übernahme stützt sich auf eine langjährige Partnerschaft zwischen Oracle und Sun. Die Ökosysteme der beiden sind natürlich nicht homogen, was ein gewisses Konfliktpotenzial birgt. Nach der überraschenden Ankündigung der Übernahme war das vorläufige Feedback der Partner jedoch durchaus positiv, nicht zuletzt da die Übernahme zusätzliche Wachstumschancen durch den Vertrieb von integrierten Oracle-Sun-Lösungen bietet. Auch die Kunden können vom verstärkten Wettbewerb im Hinblick auf Preise und Funktionen der Lösungen in Zukunft profitieren.

Mehr denn je zuvor gilt auch in diesen schwierigen wirtschaftlichen Zeiten der Leitspruch “nur Bares ist Wahres”. PAC rechnet in den nächsten Monaten weiterhin mit größ;eren Übernahmen auf dem IT-Markt, da Branchenführer wie IBM, Microsoft, Cisco, HP oder SAP nun versuchen, ihre Cash-Ressourcen einzusetzen, um die Konkurrenz abzuhängen und am Ende der Krise die Nase vorn zu haben.

Die Übernahme ist auf jeden Fall eine Überraschung; auch wenn einige Fragezeichen im Hinblick auf Open-Source- und Hardware-Strategie offen bleiben, ist sie aus Software-Perspektive ein Zug mit groß;em Potenzial.

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