13.07.2022 – Kategorie: Geschäftsstrategie

Krisen: Wirtschaftsgipfel Eurominds diskutiert Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft

Krisen EuromindsQuelle: Eurominds

Experten aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten beim Wirtschaftsgipfel Eurominds in Hamburg am 29. und 30. Juni 2022 Themen wie die Sicherheit Europas, Mobilitäts- und Energiewende, Klima und Digitalisierung. Hier traf Expertenwissen auf Standpunkte von Entscheidern und Praxiserfahrungen von Unternehmern.

In der Keynote auf dem diesjährigen Wirtschaftsgipfel Eurominds in Hamburg umriss der SPD-Vorsitzende Lars Klingbeil die aktuellen Krisen Corona-Pandemie, Klimawandel, Krieg in der Ukraine, Energiesicherheit, Inflation und den schrumpfenden gesellschaftlichen Zusammenhalt. „Die Polarisierung nimmt zu. Viele Menschen sind erschöpft angesichts der komplexen Herausforderungen“, sagte Klingbeil. Trotzdem dürfe Deutschland nicht im Status quo verharren. Die Krisen würden auch Chancen für den Industriestandort Deutschland und die neue Arbeitswelt bergen. Gerade in der Digitalisierung habe Deutschland enormen Nachholbedarf. Die Corona-Pandemie habe die Defizite schonungslos offengelegt.

„Der Aufbau digitaler Plattformen hat Monate gebraucht. Das geht nicht!“ Viele Startups würden abwandern, weil die Finanzierungsmöglichkeiten fehlten. Ziel der Koalition sei es, gute Rahmenbedingungen und Anreize für private Investoren zu schaffen. „Wir sind bei der Digitalisierung in der zweiten Halbzeit. Die erste haben wir schon verloren. Wenn wir Dinge jetzt nicht verändern, dann kommen wir irgendwann aus der Krise heraus und stellen fest, dass andere Länder und andere Regionen an uns vorbeigezogen sind“, so so Klingbeil.

Krisen: Deutscher Mittelstands-Bund warnt vor Resignation

Vor einem Duldungsreflex angesichts multipler Krisen warnte Marc S. Tenbieg, der geschäftsführende Vorstand des Deutschen Mittelstands-Bunds. Kleine und mittlere Unternehmen leiden nach Ansicht von Tenbiegs massiv unter den Störungen der globalen Lieferketten, unter explodierenden Energie- und steigenden Arbeitskosten. Hinzu kämen die scheinbar nicht enden wollenden Krisen, die viele Unternehmen belasten. „Nicht nur im Mittelstand setzt ein ‚Duldungsreflex‘ ein. Aufbruchstimmung? Fehlanzeige! Seit Corona wird insgesamt weniger investiert, und es werden weniger Innovationen geschaffen. Jetzt treffen leere Firmenkonten auf bald steigende Zinsen, höhere Preise, höhere Lohnforderungen in einem leergefegten Arbeitsmarkt und auf gestörte Lieferketten. Das ist eine gefährliche Mischung für wichtige Zukunftsinvestitionen.“

Christan Rupp, Hochschullehrer und Unternehmer, sieht in Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz eine Lösung für den Arbeitskräftemangel. Schon lange ist es möglich, Spam-E-Mails automatisch zu erkennen. KI-Technologien erlauben es inzwischen, E-Mails auch inhaltlich zu verstehen. Daher könnten heute schon E-Mails von Firmen und Behörden automatisiert, aber dennoch individuell beantwortet werden.

Digitalisierung des Alltaglebens schreitet voran

Der deutsch-ukrainische Tech-Unternehmer Oleksandr Kotsyuba betonte, dass der Treiber für Veränderung die Menschen seien, die mit Begeisterung Tabletts und Smartphones nutzen, um ihren Alltag leichter zu machen. Es sei weniger eine Frage der technischen Ausstattung als des Mindsets. So seien Quittungen beim Einkauf oder im Restaurant in der Ukraine und in Lettland nicht mehr üblich. Seine Landsleute hätten sich schon lange an den digitalen Beleg gewöhnt und würden sich fragen: „Was machen die Leute in Deutschland mit der Quittung?“ Prof. Philip Meisner, Experte für digitale Information, plädierte für „Digital first“ und radikal neue Lösungen. So würde man in Restaurants in China die Speisekarte digital vorfinden und Speisen und Getränke online bestellen.

Die Zukunftsforscherin Prof. Anabel Ternés warnte davor, Menschlichkeit, alte Werte und Traditionen komplett über Bord zu werfen. Digitalisierung überall sei keine Lösung. Meisner fasste das Ziel der Digitalisierung in der Verwaltung zusammen: „Es geht nicht darum, dass ich in wenigen Minuten online einen Termin vereinbaren, sondern, dass ich in wenigen Minuten meine Anliegen vollumfänglich erledigen kann.“

Krisen Eurominds
Auf dem Wirtschaftsgipfel Eurominds in Hamburg am 29. und 30. Juni 2022 trafen sich auch zahlreiche Prominente. (Bild: Eurominds)

Neue Technologien für die Mobilität der Zukunft

Die Diskussion über die Mobilität der Zukunft eröffnete Moderator Gerhard Delling mit einer Zuspitzung des Themas: „Wir reden schon seit Jahren über die Mobilitätswende und fahren immer noch mit einer Diesellok durch den Nationalpark Wattenmeer nach Sylt.“ Was damit gemeint ist: Es geht viel zu langsam, Deutschland kommt kaum voran. Das ist auch der Vorwurf einiger Firmenvertreter an die deutsche und europäische Politik: Frank Wolf, CEO des österreichischen Unternehmens Obrist Engineering und Dirk Graszt, geschäftsführender Direktor von Clean Logistics SE fühlen sich oft ausgebremst oder zumindest unzureichend unterstützt.

Frank Wolf, dessen Unternehmen E-Fuels produziert, also synthetische Kraftstoffe als saubere Alternative zu Diesel und Benzin, forderte mehr Mut und Weitblick: „Wir brauchen einen globalen Energieträger, nicht als Brückentechnologie, sondern als längerfristige Lösung. Wir brauchen eine „enkelsichere Technologie“, sagte Wolf. Synthetische Kraftstoffe könnten auch in der Industrie das Gas ersetzen.

Dirk Graszt berichtete, er und sein Geschäftspartner seien von der Politik „als Spinner tituliert“ worden, als sie vor etlichen Jahren die Idee hatten, alte Diesel-LKW auf Wasserstoffantrieb umzurüsten und hierfür im Bundesverkehrsministerium um Unterstützung warben. Ernstgenommen würden sie erst, „seit ein schwedisches Mädchen die westliche Welt aufgemischt hat.“ Greta Thunberg und die Fridays for Future-Bewegung hätten den Fokus verschoben, aber immer noch würde er in Berlin an Brüssel verwiesen und in Brüssel an Berlin, sagte der Unternehmer. Dennoch konnte Clean Logistics vor wenigen Wochen den Wasserstoff-Lkw „Fyuriant“ der Öffentlichkeit präsentieren, ein konkreter Schritt in Richtung Dekarbonisierung des Güterverkehrs.

Krisen: Claudia Kemfert drängt auf „neue Deutschlandgeschwindigkeit“

Deutschland muss in Rekordzeit die Infrastruktur für die Nutzung erneuerbarer Energie ausbauen. Das ist das Mantra von Prof. Dr. Claudia Kemfert, der Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung: „Wir zahlen einen gigantischen Preis für die verschleppte Energiewende. Der ist gar nicht mehr zu beziffern“, so die Energieexpertin. Die Genehmigungen für Windkraft- und Solaranlagen dürften fortan nicht länger als ein Jahr dauern. „Wir brauchen statt Bürokratie und deutscher Langsamkeit eine neue Deutschlandgeschwindigkeit“, sagte die Ökonomin.

Die Einrichtung eines Nationalen Energierates mit Vertretern aus Politik, Wissenschaft und Unternehmen regte Silvo Konrad, Geschäftsführer TÜV Nord Systems, an. Es gehe um die Bündelung der zahlreichen Einzelfragen und die Beschleunigung der Verfahren. Prof. Dr. Volker Quasching von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin, kritisierte die Investitionen im fossilen Bereich. Die Förderung für den Einbau von Gasheizungen sei nicht mehr zeitgemäß. Dem widersprach der SPD-Umweltpolitiker Michael Thewes: „Die privaten Haushalte investieren massiv in regenerative Energien. Die Begeisterung ist groß“, sagte der Chemieingenieur, allerdings müssten bürokratische Hürden fallen. So sei für eine PV-Anlage eine separate Steuererklärung erforderlich. „Die Leute müssen damit einen Steuerberater beauftragen. Das schreckt ab.“

Reenie Vietheer, Expertin für erneuerbare Energien bei Greenpeace, betonte, dass die Einsparung von Energie stärker thematisiert werden muss: „Die Zeiten des Überflusses sind vorbei. Lassen Sie uns über weniger und genug sprechen.“ „Stimmt“, sagte Carsten Liesener, CEO von Siemens Smart Infrastructure Europa. „Die sauberste Energie ist die, die wir nicht verbrauchen.“ Deshalb seien flächendeckende Energy Audits notwendig, die den Stromverbrauch in Gebäuden im Einzelnen sichtbar machen.

Krisen: Härtere Sanktionen gegen Russland gefordert

Die deutsch-ukrainische Publizistin Marina Weisband hielt ein engagiertes Plädoyer für konsequentere Sanktionen gegen Russland und schnellere Waffenlieferungen. Unterstützung für ihren Standpunkt erhielt sie von Prof. Dr. Henning Vöpel, Professor für Volkswirtschaftslehre in Berlin und Direktor des Zentrums für Europäische Politik. Hätte der Westen bereits 2014 nach der Annexion der Krim konsequente Sanktionen gegen Russland verhängt, dann hätten wir diesen Konflikt jetzt unterbunden, so Weisband. „Unser Signal an Putin war: Du kannst das machen, Du kannst Gebiete annektieren. Wenn wir Frieden wollen, dann müssen wir die Aggressoren konsequent in ihre Schranken verweisen. Und das geht über Sanktionen und Waffen. Die Ukraine bekommt zu wenig Waffen zum Überleben und zu viel zum Sterben.“

Solidarität und Zeichen der Verbundenheit mit Ukraine

Henning Vöpel, Direktor des Centrums für Europäische Politik, stimmte Weisband zu. Nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine hätte die EU striktere Sanktionen verhängen müssen – viel früher und viel konsequenter. „Jetzt kommen wir aus dem Krieg so schnell nicht heraus. Zu glauben, dass wir 2023/2024 diese geopolitische Konfrontation hinter uns haben, ist eine Illusion“, so der Wissenschaftler. Die gegenwärtigen Benzinsubventionen hält er für verfehlt. „Sie erwecken den Eindruck, als müssten wir den Preis für den Krieg nicht bezahlen. Und das ist falsch. Zudem wird der Anreiz zum Energiesparen erstickt.“ Nur vulnerable Familien und Firmen solle man gezielt stützen, also diejenigen, die nicht in der Lage sind, die Herausforderungen aus eigener Kraft zu bewältigen und daher unter der Krise besonders leiden.

Über zu wenig Symbole der Solidarität und Zeichen der Verbundenheit könne sich die Ukraine nicht beklagen, so Weisband und fragte: „Aber was passiert konkret?“ „Wenn wir in zehn Jahren auf diesen Konflikt schauen, könnte sich das als ein historisches Versagen der EU herausstellen, weil uns der Benzinpreis wichtiger war als die Verteidigung unserer Werte und unserer Freiheit“, sagte Vöpel. (sg)

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