Neue Business-Software von SAP: Flexibler und weniger komplex

0

Über die neue Business-Suite von SAP sprachen wir mit Dr. Marco Lenck, Vorstandsvorsitzender der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe (DSAG) e. V. sowie Gerhard Göttert und Andreas Oczko, beide ebenfalls von der DSAG. Die DSAG mit Sitz in Walldorf sieht sich als  unabhängige Interessenvertretung aller SAP-Anwender in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

digitalbusiness CLOUD: Wie ist Ihre Einschätzung generell zu dem neuen Produkt SAP S/4HANA?

Dr. Marco Lenck

SAP S/4HANA ist die Evolution der bisherigen SAP Business Suite. Das Produkt eignet sich für visionäre Unternehmen beziehungsweise Vorreiter, für die innovativ abgebildete Geschäftsprozesse einen großen Wettbewerbsvorteil darstellen. Für den Großteil der Unternehmen dürfte das Produkt noch Zukunft bleiben. Ihre Prioritäten liegen eher auf klassischen Projekten rund um das ERP-System.
Mit SAP S/4HANA bündelt SAP ihre Innovationen in einem neuen Produkt. Das bedeutet: das ERP, die Datenbank-Technologie HANA und neue verbesserte Anwendungen verschmelzen in einem Produkt, das über den Browser genutzt werden kann.

digitalbusiness CLOUD: Was halten Sie von dem neuartigen Modell, das Produkt sowohl On-Premise wie auch als Cloud-Variante anzubieten?

Die Strategie der SAP, das neue Produkt SAP S/4HANA ihren Kunden sowohl On-Premise als auch in der Cloud zur Verfügung zu stellen, ermöglicht den Unternehmen, das für sie sinnvolle Betriebsmodell zu wählen. Wir erwarten, dass der Funktionsumfang von SAP S/4HANA für beide Betriebsmodelle identisch ist. Sollten jedoch Einschränkungen, auch im Vergleich zur existierenden SAP Business Suite, bestehen, müssen diese von SAP klar kommuniziert werden. Die Komplexität der weit verbreiteten SAP-Unternehmenssoftware zugunsten von flexiblen und einfachen Anwendungen zu reduzieren, war immer eine Forderung der DSAG.

digitalbusiness CLOUD: Inwieweit steht SAP S/4HANA für einen Paradigmenwechsel in der ERP-Welt?
Marco Lenck: SAP S/HANA ist eine ganz neue Codelinie innerhalb von SAP. Das Produkt wird sich zu einem neuen ERP entwickeln und die Möglichkeiten und Aufgaben der Mitarbeiter verändern. Aus Sicht der DSAG ist die Tatsache erfreulich, dass Kunden grundsätzlich ein schrittweiser Übergang aus der bestehenden ERP-Welt in SAP S/4HANA ermöglicht wird. Wir erwarten in diesem Zusammenhang, dass die Kunden beim notwendigen Transformationsprozess von SAP begleitet werden. Wichtig für Unternehmen ist es zu erfahren, was SAP S/4HANA beinhaltet. Welche Transaktionen stehen bis wann zur Verfügung? Welche Rollen werden bis wann umgestellt? Darüber hinaus ist es wichtig, wie in anderen Bereichen auch, dass SAP den Business-Mehrwert von SAP S/4HANA anschaulich darstellt.

digitalbusiness CLOUD:  Wieweit haben Anwender die Wahlfreiheit, welche Datenbank sie einsetzen? Lassen sich auch Datenbankprodukte von anderen Herstellern einbinden?
Gerhard Göttert: Wir sehen der weiteren Entwicklung von SAP S/4HANA gespannt entgegen. Wenn Effizienzsteigerungen mit dem neuen Produkt möglich sind, werden Unternehmen den Einsatz sicherlich prüfen. Die Bindung der SAP-Software an die HANA-Datenbanktechnologie bringt jedoch nicht nur Vereinfachung und Optimierung. Sie schränkt die Kunden auch ein. Konkret fordern wir, dass SAP die Nutzung von SAP-Software auch mit Datenbanksystemen anderer Hersteller ermöglicht, die ebenfalls auf der In-Memory-Technologie basieren. Es sollte auch in Zukunft für die Kunden im Bereich der Datenbanken eine Wahlfreiheit erhalten bleiben.  

digitalbusiness CLOUD: Wie schätzen Sie das neue Preismodell ein, überwiegen tatsächlich die Vorteile?

Andreas Oczko

Wir als DSAG sind davon überzeugt, dass die Kunden ein Anrecht darauf haben, dass über die Datenbank hinaus keine weiteren Lizenzkosten für SAP S/4HANA entstehen. Die Unternehmen werden sich die Entwicklung in diesem Bereich genau anschauen und sehen, ob das Produkt einen entsprechenden Mehrwert liefert. Die DSAG bietet die geeignete Plattform, um Fragen wie diese zu diskutieren: mit SAP, aber auch für die Unternehmen untereinander.

digitalbusiness CLOUD: Viele Anwender haben noch ältere SAP-Lösungen im Einsatz. Wie sieht Ihrer Ansicht nach eine erfolgsversprechende Migrationsstrategie aus? Welche Pläne hat SAP mit bestehenden ERP-Lösungen bei seinen Kunden?
Andreas Oczko: Die bei den Kunden bereits eingesetzten installierten Lösungen dürfen von SAP nicht außer Acht gelassen werden. Bestehende SAP-Produkte müssen im Rahmen der Wartungszusage von SAP bis 2025 signifikant weiterentwickelt werden, da die Kunden hier regelmäßig über die Wartungszahlungen in die Softwarepflege investieren. Die bestehenden Produkte müssen seitens SAP zumindest gleichberechtigt zu SAP S/4HANA behandelt werden, stellt die gegenwärtige Business Suite 7 doch eine vollwertige Alternative für einen signifikanten Teil der Kundschaft dar. Und das gilt auch noch für viele Jahre.
Als DSAG werden wir hier ein besonderes Augenmerk darauf richten. Zudem müssen geplante regelmäßige Updates für Kunden verträglich und ohne großen Aufwand erfolgen. Ansonsten sind Unternehmen nur noch mit der Aktualisierung ihrer Software inklusive Testen beschäftigt und haben keine Ressourcen frei, um neue Prozesse abzubilden.

digitalbusiness CLOUD: Wie sieht in fünf bis zehn Jahren das optimale ERP-System aus? Welche Rolle wird hierbei SAP S/4HANA spielen?
Marco Lenck: Das optimale ERP-System der Zukunft muss in der Lage sein, neue Geschäftsprozesse mit verfügbaren Möglichkeiten im System und nicht über angedockte Satellitenlösungen abzubilden. Es gibt eine Datenbasis (Single Source of Truth), was dazu führt, dass Auswertungen einfacher auszuführen sind. Gibt es doch weniger Abhängigkeiten, die beachtet werden müssen. Erwartet wird zudem eine hohe Usability, trotz unterschiedlicher Clients und Endgeräte. Damit S/4HANA das ERP der Zukunft werden kann, muss SAP gewährleisten, dass Unternehmen einfach und möglichst in einem Schritt auf das neue Produkt migrieren können. Aktuell scheint der Pfad noch unklar. Daran muss seitens SAP gearbeitet und mehr Transparenz geschaffen werden.

 

Wir haben ausgewählte SAP-Experten nach Ihrer Einschätzung zur neuen Business-Suite SAP S/4HANA befragt:

Accenture hat für Unternehmen, die in unserer digital vernetzten und von Big Data getriebenen Always-on-Welt schnell und erfolgreich agieren wollen, einen so genannten „High-Velocity“-Ansatz entwickelt. Dieser liefert erweiterte ERP-Assets, die sich durch disruptive Technologien wie In-Memory auszeichnen und von digitalen Akzeleratoren wie Social und Mobile Web, Analytics oder der Cloud angetrieben werden. Für Unternehmen, die den Weg der digitalen Transformation einschlagen, ist SAP S/4HANA eine leistungsfähige Plattform, die perfekt mit unserem schnellen Enterprise Framework funktioniert, um den Nutzen von SAP HANA auszubauen. Unser Verständnis von digitalen Technologien und SAP-Lösungen bedeutet in Kombination mit unserer ausgezeichneten Branchenexpertise und unserer weltweiten Lieferkapazität, dass wir unsere Kunden beim Einsatz von SAP S/4HANA effektiv unterstützen können. Dabei ist es unser Ziel, unseren Kunden vielfältige Potenziale für ihr Business sowie noch effizientere Möglichkeiten der Kundenbindung zu erschließen.

Martin Arnoldy

Als SAP-HANA-Partner der ersten Stunde begrüßen wir es sehr, dass SAP nun mit S/4HANA den legitimen Nachfolger von SAP R/3 auf den Markt bringt. Capgemini hat in den letzten Jahren bereits umfangreiche Erfahrungen mit der zugrundeliegenden „In-Memory“-Technologie bei Kundenprojekten, gerade im Bereich HANA BI und gemeinsam mit der SAP-Entwicklung sammeln können. S/4HANA und die darauf aufbauenden Produkte wie Simple Finance bieten nun die Möglichkeit, Geschäftsprozesse in den Bereichen Finanzwesen, aber auch Logistik usw. wirklich in „Echtzeit“ zu unterstützen und stark vereinfacht aufzusetzen. Drängende Probleme unserer Kunden, etwa die Digitalisierung der Fertigung, können nun, unterstützt durch Performance und Schnelligkeit von HANA und S/4 HANA, ganzheitlicher als bisher angegangen werden. Welches Potenzial diese und andere S/4HANA-Szenarien für unsere gemeinsamen Kunden bieten, zeigt Capgemini unter anderem in seinem Münchner Innovation Lab.“

Gotthard Tischner

„Im Zeitalter der digitalen Transformation und Industrie 4.0 sehen sich viele unserer Mandanten mit immer komplexer werdenden Aufgabenstellungen konfrontiert. Digitalisierung, Data & Analytics und Mobility schaffen neue Herausforderungen sowie Chancen und sorgen für eine hohe Veränderungsgeschwindigkeit. Mit S/4HANA hat sich SAP diesen Themen gestellt und erfolgreich am Markt positioniert.
Als langjähriger Partner von SAP unterstützen wir unsere Mandanten darin, diese Technologie erfolgreich einzusetzen, um Prozesse zu vereinfachen beziehungsweise zu optimieren und durchgängig zu gestalten sowie Geschäftsmodelle noch besser abbilden zu können. Neben weitreichenden Performance-Verbesserungen, die In-Memory-Technologien unter anderem realisieren, begrüßen wir die Kombination der Bausteine „Transaktion“ und „Analyse“ in einer Datenbank, wofür in der Vergangenheit bisher zwei Systeme nötig waren. So lassen sich noch  schneller und komfortabler neue Erkenntnisse gewinnen, die strategisch und operativ von großem Nutzen sein können.“

Frank Niemann

Mit dem Redesign seiner Business Software will SAP die Vorteile der In-Memory-Funktionen der SAP-HANA-Plattform zur Geltung bringen. Daher läuft die Software jetzt nicht nur schneller, sondern bietet auch Effizienzgewinne bei der Abbildung der Geschäftsprozesse. Da es sich um eine unternehmenskritische Software handelt, dauert das natürlich einige Zeit, und es verwundert nicht, dass SAP die Entwicklung noch nicht abgeschlossen hat. Den größten Teil des Redesigns machte die „Cloud Edition“ von S/4 HANA aus, die  in einem SAP-eigenen Cloud-Rechenzentrum bereitgestellt wird. echenzentrum zum Einsatz kommt. Für die Cloud Edition hat SAP neue Funktionen in jedem Quartal angekündigt, bei der On-premise-Version soll es diese nur alle 9 bis 12 Monate geben.
Technologisch ist eine Migration möglich, die Herausforderung liegt jedoch auf der Prozessebene. Kunden müssen entscheiden, ob sie ein bestehendes System zu S/4 HANA migrieren oder ein komplett neues System installieren. Bei einer Migration geht es darum, den im Laufe der Zeit veränderten Programmcode zu entfernen. Benutzerdefinierte Veränderungen  in einem ERP-System ziehen jedoch vermehrt Upgrades nach sich. Für SAP ist es einfacher, standardbasierte Systeme zu unterstützen. Dies gilt umso mehr, wenn man von S/4 HANA in der Cloud ausgeht, denn jeder Cloud-Anbieter achtet sehr genau auf die Anpassung seiner Anwendungen.
Entscheidend ist, dass es sich bei S/4 HANA nicht nur um ein weiteres Release von SAP handelt. Unternehmen sollten genau definieren, ob, auf welche Weise und in welchem Tempo sie eine solche Migration vollziehen möchten. Unternehmen sollten daher genau überdenken, wie sie heute ihr ERP-System nutzen. Wir sind überzeugt, dass SAP seine ERP-Software vereinfacht hat. Für Unternehmen könnte sich eine solche Migration jedoch nicht immer einfach gestalten. (ak)

RSS Feed

Neuen Kommentar schreiben

Entdecken Sie die Printmagazine des WIN-Verlags