Digitalisierung in Deutschland: Zwischen Theorie und Praxis

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Der Global Competitiveness Report 2018 des Weltwirtschaftsforums bescheinigt Deutschland seine Innovationsstärke im internationalen Vergleich. Trotzdem hapert es beim großen Thema Digitalisierung nach wie vor in vielen Bereichen an der praktischen Umsetzung.

Digitalisierung

Der Global Competitiveness Report 2018 des Weltwirtschaftsforums bescheinigt Deutschland seine Innovationsstärke im internationalen Vergleich. Trotzdem hapert es beim großen Thema Digitalisierung nach wie vor in vielen Bereichen an der praktischen Umsetzung.

Bild: MH/Fotolia.com

Allgegenwärtiges Thema, mangelhaft umgesetzt

Ein wenig überraschend muss das Ergebnis des Global Competitiveness Report 2018, den das Weltwirtschaftsforum (WEF) in Auftrag gegeben hatte, letztlich schon wirken: Dank der deutschen Forschungsinstitute und der fortschreitenden Vernetzung in der Wirtschaft landet Deutschland in puncto Innovation und volkswirtschaftliche Stabilität auf dem ersten Platz. Nicht ganz zu Unrecht, denn bundesweit wird hart daran gearbeitet, Deutschland als Innovationsstandort an der Weltspitze zu halten.

Andererseits muss dieses gute Abschneiden doch wundern, reicht es doch bei dem Thema unserer Zeit, der Digitalisierung, nur für Platz 31. Es mangelt dabei nicht unbedingt an der Einsicht, dass der digitale Wandel nicht nur Vorteile bietet, sondern langfristig auch unumgänglich ist – es scheitert immer noch zu häufig am nächsten Schritt, an der praktischen Umsetzung, obwohl sich vor allem für die digitale Wirtschaft die Rahmenbedingungen verbessert haben. Trotzdem besteht hier, genauso wie in den Bereichen Verwaltung oder Gesundheitswesen, nach wie vor Nachholbedarf.

Die Ursachen hierfür mögen vielfältig sein, Jan Willem Dees, CEO von Dimension Data Deutschland, bringt es mit Blick auf den neuen Digital Leader Award aber sehr genau auf den Punkt: „Die Digitalisierung verändert alles. Und das rasend schnell. Es geht dabei nicht nur, aber eben auch um IT und Technologie. Es geht nicht nur, aber eben auch um eine Veränderung des Mindsets, der Kultur und der Gesellschaft. Es geht nicht nur, aber eben auch um die Frage, wie die Politik die Rahmenbedingungen für den vermutlich fundamentalsten Wandel seit dem Zeitalter der Industrialisierung gestaltet. Kurzum: Wir stehen vor keiner geringeren Frage als: Wie wollen wir in Zukunft leben, arbeiten und Deutschlands Digitalisierung gestalten?“

Das Umdenken hinkt der Innovationskraft also nach wie vor hinterher, ähnliches lässt sich laut E-Business-Experte Professor Tobias Kollmann auch über die Umsetzung sagen. Die ist, so der Vorsitzende des Beirats Junge Digitale Wirtschaft, der größte Hinderungsgrund für die volle Entfaltung der Digitalisierung in Deutschland.

Die Digitalisierung ist (fast) angekommen

Dabei ist der digitale Wandel in der Bevölkerung weitestgehend angekommen. Zumindest ist er im Bewusstsein der Menschen verankert. Allerdings kann dabei kaum von so etwas wie Aufbruchsstimmung gesprochen werden, wie verschiedene Umfragen nahelegen. So hat etwa Cisco eine Umfrage zur Digitalisierung im Alltag der Deutschen durchführen lassen und im bundesweiten Durchschnitt sind es lediglich 23,5 Prozent, die dem Thema mit Neugier begegnen. Umgekehrt sind aber 22,8 Prozent von der Digitalisierung genervt und wenn es um die Zufriedenheit geht, reicht es gerade einmal zu einem Durchschnitt von 7,2 Prozent.

Herausforderung ja, Gefahr nein: Deutsche Arbeitnehmer sehen die Digitalisierung eher als Perspektive Bild: kichigin/Fotolia.com

Immerhin: Wirklich besorgt (12,1 Prozent) oder verunsichert (12,3 Prozent) scheinen die Deutschen auch nicht zu sein. Das wiederum deckt sich mit den Ergebnissen, die eine Studie des Instituts für angewandte Sozialwissenschaft (Infas) im Auftrag der Wochenzeitung „Die Zeit“ durchgeführt hat: Nur für 23 Prozent der befragten Arbeiter und Angestellten ist ein möglicher Verlust des Arbeitsplatzes im Zuge der Digitalisierung tatsächlich ein Problem, das sie persönlich betrifft – für 48 Prozent bleibt die Digitalisierung ein Thema, das ihnen vornehmlich in den Medien begegnet.

Handlungsbedarf in vielen Bereichen

Was die Studien allerdings auch nahelegen: Die Deutschen sehen in vielen Bereichen noch deutlichen Verbesserungsbedarf. Das betrifft unter anderem die Möglichkeiten, sich in Anbetracht des digitalen Wandels und der damit verbundenen Herausforderungen im Arbeitsalltag mit Hilfe der Arbeitgeber weiterentwickeln zu können. Weniger als die Hälfte der Befragten aus der Infas-Studie waren in dieser Hinsicht zufrieden.

Unzufriedenheit herrscht auch im Blick auf den derzeitigen Entwicklungsstand der digitalen Verwaltung. Hier sehen rund 22 Prozent der Umfrage-Teilnehmer der Cisco-Studie Handlungsbedarf. Das sehen wohl auch die Behörden so, denn laut Branchenkompass Public Services 2018 von Soprasteria Consulting besteht bei diesen der feste Wille, effizienter zu werden. Auf der anderen Seite sind die Verwaltungen auf Bundes- und Länderebene allerdings gemäß des Onlinezugangsgesetzes (OZG) dazu verpflichtet, den Bürgern Dienstleistungen jederzeit und von überall her zugänglich zu machen.

Im Gesundheitswesen kommen die Möglichkeiten des digitalen Wandels meist nicht bei den Patienten an. Bild: Gorodenkoff/Fotolia.com

Die gesetzlichen Anforderungen dazu bestehen bereits seit August 2017, ob die Umstellung im Behördenapparat aber tatsächlich bis zum Jahr 2022 abgeschlossen ist, darüber herrscht Uneinigkeit. Derzeit gilt das nur für ein Drittel der Behörden und auch nur für die grundsätzliche Zielvorgabe, nämlich einen elektronischen Zugang überhaupt zu ermöglichen. Bei weiteren 39 Prozent ist die Umsetzung der Vorgaben noch im Gange.

Es geht also in vielen Bereichen noch gar nicht so sehr um die Details, sondern vielmehr um den Aufbau der notwendigen Strukturen, bevor die Verwaltungsmitarbeiter überhaupt in Kontakt mit den grundlegenden Begrifflichkeiten und Funktionen der digitalen Verwaltung kommen können. Allerdings unterscheiden sich Verwaltungsbehörden und Unternehmen an diesem Punkt oft nur marginal voneinander, der Aufbau von IT-Strukturen, mit denen sich kundenzentrierte Prozesse wirklich zielführend und vor allem zufriedenstellend abwickeln lassen, sind auch im Mittelstand – aber längst nicht nur da – weiterhin ein Thema, bei dem Handlungsbedarf besteht.

Schlechtes Urteil für Fortschritte bei E-Health

Den sehen zumindest Experten auch im Gesundheitswesen. Während die Cisco-Umfrage ergab, dass die Bürger die Digitalisierung des Gesundheitssystem als nachrangiges Thema erachten (lediglich 7,7 Prozent der Befragten halten diesen Schritt für erforderlich), stellt die Bertelsmann Stiftung dem Fortschritt des digitalen Wandels im Gesundheitswesen ein erschreckend schlechtes Urteil aus.

In der Studie „#SmartHealthSystems. Digitalisierungsstrategien im internationalen Vergleich“ untersuchte die Stiftung die Gesundheitssysteme von 17 Ländern (darunter 13 EU-Staaten) anhand von 34 Indikatoren, die sich um drei übergreifende Bereiche drehen:

  • Unter „Policy-Aktivität“ versteht die Studie dabei das politisch-strategische Vorgehen, also etwa das Schaffen der rechtlichen Voraussetzungen, die institutionelle Verankerung der Digitalisierung und die dazugehörigen Zuständigkeiten.
  • „Digital-Health-Readiness“ beschreibt einerseits den Grad der technischen Implementierung, andererseits den Fortschritt des digitalen Wandels im Gesundheitswesen.
  • Als drittes Thema kommt die Anwendung in der Praxis hinzu: Wie werden die gewonnenen Daten überhaupt genutzt, wie funktioniert der vernetzte Austausch der Gesundheitsdaten?

Das ernüchternde Ergebnis: Platz 16 im Vergleich, nur Polen kommt auf einen noch schlechteren Wert im Digital-Health-Index. Vom Durchschnitt, der bei 58,9 Punkten liegt, trennen Deutschland fast 29 Punkte – vom Spitzenreiter Estland (81,9 Punkte) sind es sogar mehr als 50 Punkte.

Das größte Problem besteht auch hier darin, die bereits aufgebauten Grundlagen – wie etwa die elektronische Gesundheitskarte, deren Einführung bereits 2003 beschlossen wurde – und verfügbaren Potenziale in der Praxis umzusetzen. Bislang kommt der digitale Wandel im Gesundheitswesen noch nicht flächendeckend bei den Patienten an, nicht zuletzt deshalb, weil von politischer Seite aus zu lange zu zögerlich agiert wurde, weil eine zentrale Anlaufstelle für digitale Belange fehlt.

Auch im E-Commerce gibt es Nachzügler

Der teilweise große Nachholbedarf, der sich im Bereich der Verwaltung und im Gesundheitswesen beobachten lässt, sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch die deutsche Wirtschaft in puncto Digitalisierung noch längst nicht dort ist, wo sie sein könnte. Der Branchenverband Bitkom sieht daher zwar einen Fortschritt, aber einen langsamen: Eine Umfrage zum Stand der Digitalisierung der deutschen Wirtschaft zeigt zwar, dass Digitalisierungsstrategien wenigstens in Teilbereichen der Unternehmen in zunehmendem Maße an Bedeutung gewinnen.

Dennoch sehen sich fast 60 Prozent der befragten Unternehmen immer noch als Nachzügler beim digitalen Wandel. Das gilt besonders für kleinere Unternehmen, während sich größere Firmen mehrheitlich (74 Prozent) in der Vorreiterrolle wähnen. Dass die kleinen und mittelständischen Unternehmen bei der Digitalisierung so weit zurückzuliegen scheinen, hat allerdings konkrete Gründe, vor allem liegt es an Zeit und Geld. Die Investitionen in neue Technologien bleiben daher aus, bei vielen fehlt es in erster Linie an der Zeit, um etwa die Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle im Alltagsgeschäft unterzubringen.

Ein Beispiel für dieses zögerliche Vorgehen ist die Blockchain-Technologie. Deren Potenzial ist seit Jahren bekannt, in der deutschen Wirtschaft sieht man vor allem bei Handelsplattformen und Datensicherheit wichtige Anwendungsmöglichkeiten. In den Unternehmen selbst ist die Stimmung aber eine andere, fast 90 Prozent von ihnen denken nicht einmal über den Einsatz von Blockchain nach. Firmen, in denen der Einsatz zumindest diskutiert wird oder in denen Projekte bereits laufen oder geplant sind, machen nicht einmal zehn Prozent aus. Keine Ergebnisse, die die Einschätzung des Weltwirtschaftsforums zum Innovationsstandort Deutschland wirklich untermauern würden.

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