Cloud nach Maß

Die Anzahl der Unternehmen in Deutschland, die Cloud Computing nutzen, hat sich seit 2011 nahezu verdoppelt. Inzwischen sind es bereits 54 Prozent – ein regelrechter Boom. Auch im Mittelstand steigt die Nachfrage nach Cloud-Lösungen. Nach guten Erfahrungen, etwa mit dem CRM-System oder Virtualisierungslösungen, denken Mittelständler jetzt darüber nach, auch Kernstücke der IT wie das ERP-System in die Cloud zu migrieren. Doch nicht für alle Mittelständler eignet sich die gleiche Cloud-Strategie. 

Warum ist es jetzt besonders sinnvoll, über die Cloud nachzudenken?

Mittelständische Unternehmen stehen einem immer stärkeren internationalen Wettbewerbs- und Kostendruck gegenüber. Häufig erwirtschaften sie schon heute einen Großteil ihrer Umsätze im Ausland und besitzen weltweite Niederlassungen. Damit einher geht die Notwendigkeit, die Daten aus Kernanwendungen wie dem ERP-System in Echtzeit weltweit zur Verfügung zu stellen. Außerdem hat besonders in Deutschland ein Run auf die besten IT-Fachkräfte eingesetzt. Dabei konkurrieren Mittelständler mit bekannten und beliebten Großunternehmen um geeignete Professionals und Nachwuchskräfte. Entsprechend können sie nicht immer alle offenen Stellen erfolgreich besetzen. 

Dieser Herausforderung können sie mit Hilfe neuer Technologien begegnen. Cloud-Angebote haben sich technisch deutlich weiterentwickelt. Während bisher meist Standard-Lösungen bereitgestellt wurden, lassen sich nun auch Cloud-Anwendungen individualisieren und skalieren. Besonders für Applikationen wie ERP, die das Rückgrat der Unternehmens-IT bilden, ist dies wichtig. Hier muss sich auch eine Cloud-Lösung in der notwendigen funktionalen Tiefe und Breite an die Geschäftsprozesse anpassen lassen. Mit entsprechenden individuellen und adaptierbaren Angeboten werden in Zukunft weitere Mittelständler, insbesondere aus dem Bereich Fertigung, ihre persönliche Cloud-Lösung aufbauen und nutzen.

Für Unternehmen, die ERP aus der Cloud beziehen möchten, ist es wichtig, zunächst die folgenden Fragen zu stellen und zu überprüfen, wo sie bei den Themen Ressourcen, Geschäftsanforderungen und Sicherheit stehen: Wie weitreichend ist die IT-Infrastruktur in Bezug auf Personal und andere Ressourcen ausgelegt? Außerdem ist es wichtig zu prüfen, ob die Investitionsbudgets für die IT-Modernisierung und Zertifizierung ausreichen, um genügend Ressourcen für das weitere Wachstum bereitzustellen.

Aus Sicht der Geschäftsanforderungen sprechen diese Punkte dafür, ernsthaft über Cloud Computing nachzudenken: Konzentration auf das Kerngeschäft, geplante Reduktion oder Auslagerung der IT-Infrastruktur und dezentrale Unternehmensstrukturen mit internationalen Standorten.

In Bezug auf die IT-Sicherheit und -Verfügbarkeit gilt es für die Unternehmen zu definieren, welche Anforderungen und SLAs zu erfüllen und wie redundant ihre IT-Systeme auszulegen sind. Benötigt das Unternehmen beispielsweise die Sicherheit von zwei vollständig redundanten Rechenzentren? In diesem Fall kann es sinnvoll sein, den ERP-Betrieb in die Hände eines professionellen Anbieters auszulagern. Denn kaum ein Mittelständler kann es sich leisten, zwei komplette Rechenzentren zu betreiben.

Mieten oder kaufen – was ist die richtige Cloud-Strategie?

Genau so unterschiedlich und individuell wie die mittelständischen Unternehmen sind die geeigneten Cloud-Ansätze. Entscheidend ist, dass die Cloud-Lösung auch wirklich zu den Unternehmensanforderungen passt. Sollen beispielsweise alle Anwendungen und Daten dediziert aus der Privat Cloud betrieben werden oder ist es möglich, Funktionalitäten aus der Public Cloud mit zu nutzen?

Cloud-basierte und lokal installierte Software schließen sich dabei gegenseitig nicht aus. Das passende Konzept ergibt sich vielmehr aus der individuellen Situation im Unternehmen – die Geschäftsanforderungen entscheiden letztlich, ob ein Mittelständler ERP aus der Cloud oder eine On-Premise-Lösung nutzen sollte. Wer gerade erst ein modernes Rechenzentrum aufgebaut und Kernanwendungen neu aufgesetzt hat oder über eine personell starke IT-Abteilung verfügt, wird kurzfristig eher nicht über einen Wechsel in die Cloud nachdenken. Dagegen ist eine Cloudlösung besonders interessant, wenn das Unternehmen ohnehin ein neues ERP-System plant, nur wenige eigene IT-Fachkräfte hat oder das Rechenzentrum grundlegend erneuern und ausbauen muss. 

Aber auch wenn die Entscheidung für die Cloud gefallen ist, bietet sich nicht immer eine vollständige Verlagerung sämtlicher Anwendungen an. In vielen Fällen erweisen sich gerade Mischformen als die geschäftlich sinnvollste Option. Dieser Trend wird sich 2017 noch stärker durchsetzen. Denn häufig besteht die ideale Lösung darin, Geschäftsprozesse aus der Cloud gekoppelt mit Funktionalitäten aus bestehenden On-Premise-Lösungen als Mischform zu betreiben. Vorhandene Infrastrukturen und Anwendungen werden dazu beispielsweise über Webservices mit ERP aus der Cloud verbunden.  Weitere typische Anwendungsbeispiele für eine hybride Nutzung der Cloud sind in Unternehmen mit Auslandsgesellschaften zu finden. Hier lassen sich neue internationale Standorte schnell und flexibel über eine Cloud-Lösung an ein bestehendes ERP-System anbinden. Die Anfangsinvestitionen bleiben dabei überschaubar und der Cloud-Anbieter garantiert die globale Verfügbarkeit der Daten. Im deutschen Mutterunternehmen läuft das ERP-System in der Zwischenzeit weiter auf der eigenen IT-Infrastruktur. Der Fachbegriff hierfür lautet „vernetzte Wertschöpfungsketten“.

Eine sinnvolle Alternative zum Eigenbetrieb kann eine vollständige Nutzung von ERP aus der Cloud dagegen für schnell wachsende Unternehmen sein, die nur über geringe IT-Ressourcen verfügen. Wächst das Unternehmen, werden auf Knopfdruck neue Benutzerkonten zu fest kalkulierbaren Kosten eingerichtet. Statt eigene IT-Abteilungen aufzubauen, können sich die Unternehmen vollständig auf die Weiterentwicklung ihrer Produkte und Services fokussieren.

Wege in die Cloud

Für Unternehmen, die ihre IT verschlanken oder Kernanwendungen wie ERP nicht mehr selbst betreiben möchten, bietet sich der Aufbau einer gehosteten Private Cloud an. Wenn der Provider dabei Software, Dienstleistung und Support aus einer Hand bietet, können sie von einfacherem Management und integrierten Lösungen profitieren.

Mittelständler, die mit bestehenden Anwendungen in die Cloud wechseln möchten, können die gesamte Lösung und bei Bedarf auch weitere angebundene Systeme komplett aus der Cloud betreiben. Dabei sollten alle bislang verfügbaren Funktionalitäten auch in der Cloud bereitstehen. Stufenweise können weitere Anwendungen in die Cloud migriert werden. Bei Bedarf bildet dies einen ersten Schritt hin zu einem vollständigen Outsourcing der gesamten IT in die Cloud.

Da Unternehmen dabei jedoch sensible Daten, beispielsweise aus der Produktion, in die Hände eines Cloud-Anbieters geben, spielt der Sicherheitsaspekt eine sehr wichtige Rolle. Ein Indikator für den sorgsamen Umgang mit diesen Daten ist der Betrieb eines zweiten Rechenzentrums und ein nach ISO 27001 zertifiziertes Informationssicherheits-Management. Zudem sollten sich die Cloud-Rechenzentren am Standort Deutschland befinden, um die hier geltenden strengen Datenschutzregeln einzuhalten.

Gerade für Unternehmen, die schnell wachsen, ist eine dynamische Skalierbarkeit erfolgsentscheidend, um ohne Zeitverzögerungen neue Kapazitäten aufzubauen. Hierbei unterstützt eine passende Cloud-Lösung, da Unternehmen keine neuen Server selbst installieren müssen. Eine Breitband-Anbindung sorgt dabei für ausreichende Kapazitäten, und die Kosten pro Anwender sowie die Nutzungsdauer sind genau kalkulierbar.

Fazit

Der Mittelstand muss heute rund um die Uhr eine hohe Produktivität gewährleisten – eine Aufgabe, die sich angesichts fehlender IT-Fachkräfte oft nur schwer im eigenen Haus erfüllen lässt. Allerdings sind aufgrund der unterschiedlichen Anforderungen von Mittelständlern passgenaue Cloud-Modelle nötig. Vor allem für Kernanwendungen wie ERP aus der Cloud ist eine individuell konfigurierbare Lösung geschäftsentscheidend. Je nach Bedarf bieten sich dabei Mischformen an, beispielsweise ein On-Premise-Betrieb in der deutschen Unternehmenszentrale und Cloud-Lösungen für die angegliederten Niederlassungen im Ausland.

Über den Autor: Andree Stachowski ist seit Januar 2015 CSO der proALPHA Gruppe. Er verantwortet die gesamte strategische Ausrichtung des Software- und Dienstleistungsvertriebs des Unternehmens. Zusätzlich leitet er den Vertrieb in Deutschland. Andree Stachowski ist nicht nur studierter Maschinenbauer, sondern auch gelernter Dreher. Mit rund 20 Jahren Erfahrung im Vertrieb von ERP-Lösungen für den Mittelstand kennt er die Anforderungen produzierender Unternehmen bestens. Vor seiner Tätigkeit bei proALPHA war Andree Stachowski Mitglied der Geschäftsleitung der AllforOneSteeb AG, dem größten SAP-Systemhaus für mittelständische Kunden im deutschsprachigen Markt. Zuvor hatte er Management-Funktionen bei Infor Global Solutions sowie einem Systemhaus im Sage-Umfeld inne.

 

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