IDC-Studie: „Industrie 4.0 in Deutschland 2015“

Die Auseinandersetzung mit Industrie 4.0 ist in deutschen Industriebetrieben in den letzten 12 Monaten gereift, viele Unternehmen stehen allerdings bei der Umsetzung noch am Anfang. Anwendungsfälle drehen sich vor allem um eine bessere Kontrolle und Transparenz und seltener um eine stärkere Kundenorientierung oder gar neue Geschäftsmöglichkeiten. Die Sicherheitsvorfälle im Produktionsumfeld sind bereits heute alarmierend und erfordern umgehendes Handeln und ausgereiftere Lösungen und Konzepte. Dies Dies sind die wichtigsten Erkenntnisse der neuen IDC-Studie „Industrie 4.0 in Deutschland 2015“.

Ziel der von IDC im August 2015 durchgeführten Befragung unter 201 Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe mit mehr als 100 Mitarbeitern war es, ein besseres Verständnis über die Umsetzungspläne, Erfolgsfaktoren und Einschätzungen hinsichtlich Industrie 4.0 zu erhalten. Besonders im Blickpunkt standen Gegenüberstellungen der Einschätzungen von Fabrikausstattern und -betreibern, IT- und Produktionsverantwortlichen sowie mittelständischen und großen Unternehmen wie auch Vergleiche mit den Ergebnissen des Vorjahrs. Die wichtigsten Ergebnisse dieser Befragung werden im Folgenden zusammengefasst.

Industriebetriebe stehen vor großen Herausforderungen – die Digitalisierung wird noch unterschätzt

Industriebetriebe müssen in den nächsten zwei Jahren wichtige Herausforderungen bewältigen. Die unsichere Entwicklung der Weltwirtschaft und die Behauptung gegenüber dem Wettbewerb aus Niedriglohnländern erhöhen den Handlungsdruck. Vor allem die Reduzierung von Kosten, die Steigerung von Umsatz und Erlös sowie die Verbesserung von internen Prozessen brennen den Entscheidungsträgern unter den Nägeln. Die Lösung dieser Aufgaben bietet eine gute Ausgangsbasis für Industrie-4.0-Initiativen.

Die Digitalisierung im verarbeitenden Gewerbe – also Industrie 4.0 – wird nur von IT-Verantwortlichen als wesentliche Herausforderung in den nächsten zwei Jahren bewertet. Auf Seiten der Produktions- und Fachbereichsverantwortlichen fehlt nach wie vor das Verständnis, in welchem Ausmaß technologische Entwicklungen die Geschäftstätigkeit ihres Betriebs verändern werden. Für die IT bietet sich die Chance, die Digitalisierung federführend voranzutreiben, den Dialog zwischen IT, Fachbereichen und Geschäftsführung zu initiieren und sich somit zum Partner der Fachbereiche auf Augenhöhe zu etablieren.

Die Auseinandersetzung mit Industrie 4.0 ist deutlich gereift – viele Unternehmen stehen bei der Umsetzung allerdings noch am Anfang

Das Konzept der vierten industriellen Revolution durchdringt das verarbeitende Gewerbe immer stärker. Mehr als zwei Drittel der Befragungsteilnehmer haben sich mittlerweile mit Industrie 4.0 auseinandergesetzt. Dies ist ein deutlicher Zuwachs um 12 Prozentpunkte im Vergleich zum Vorjahr. Die große Präsenz von Industrie 4.0 in den Medien und auf Messen wie der HMI oder CeBIT ist dabei ein wesentlicher Treiber. Zudem wird das Potenzial durch immer mehr Umsetzungen greifbarer.

Ein Großteil der Mittelständler und Großunternehmen in Deutschland schafft momentan die Basis für Industrie-4.0-Initiativen. Nur knapp ein Drittel der Firmen hat bereits Erfahrungen in Pilotprojekten oder im operativen Betrieb mit Industrie-4.0-Technologien gesammelt. Die Befragungsergebnisse bestätigen aber auch die IDC-Einschätzung, dass die Betriebe die Vernetzung des Shop Floors mittels Cyber Physical Systems in den kommenden Jahren deutlich vorantreiben werden. Der technische Fortschritt trägt maßgeblich dazu bei, denn Sensoren, eingebettete Systeme und Funktechniken werden immer leistungsstärker, kostengünstiger und somit attraktiver für den Einsatz in der Produktion.

Im Fokus von Industrie-4.0-Use-Cases stehen aktuell die Erfassung, Überwachung und Kontrolle von Prozessen und Produkten. Die Fehlerreduzierung hat also offenbar eine größere Relevanz als die Neugestaltung und Optimierung von Fertigungsverfahren. Aus IDC-Sicht ist dies wenig überraschend. Betriebe treiben im ersten Schritt die Vernetzung ihres Shop Floors mittels Sensoren und CPS voran. Im zweiten Schritt wird auf Basis der erhobenen Daten die Transparenz und Kontrolle über die Fertigungsprozesse gestärkt und im letzten Schritt das Optimierungs- und Monetisierungspotenzial der Daten erschlossen.

Industrie 4.0 der zwei Geschwindigkeiten – warum Fabrikbetreiber aus ihrer Lethargie erwachen müssen

Die Detailauswertung der Befragungsergebnisse bringt ans Licht, dass Fabrikausstatter deutlich mehr Industrie-4.0-Initiativen im Pilot oder umgesetzt haben, als Fabrikbetreiber (35 Prozent zu 23 Prozent). Dies ist nur ein Aspekt von vielen, der Maschinen- und Anlagenbauern eine höhere Aufgeschlossenheit und einen stärkeren Umsetzungswillen bescheinigt. Darüber hinaus haben sie beispielsweise öfter Industrie-4.0-Kompetenzteams gebildet und Budgets für entsprechende Aktivitäten geplant.

„Es zeichnet sich eine Industrie 4.0 der zwei Geschwindigkeiten zwischen den Fabrikausstattern, die ihr „traditionelles“ Produktgeschäft durch innovative, zusätzliche Services erweitern und neue Umsatzquellen erschließen wollen, und den Fabrikbetreibern ab“, bewertet Mark Alexander Schulte, Consultant und Projektleiter bei IDC die Ergebnisse. „Es ist höchste Zeit, dass die Fertigungsbetriebe aus dieser Lethargie erwachen, wenn sie langfristig erfolgreich bleiben wollen.“

IT-Lösungen und Cloud Computing als Enabler von Industrie 4.0

Die Bedeutung von Software und Services für die Umsetzung von Industrie-4.0-Initiativen wird aus Sicht der Befragten in den kommenden Jahren deutlich steigen. Security Software, Big-Data-Analytics-Lösungen, eine zentrale CPS-Plattform und Digital Factory Solutions rücken besonders in den Fokus der Unternehmen. Die Herausforderung, die wachsenden Datenmengen und CPS zu beherrschen und deren Potenzial zu nutzen, ist groß. Gleichzeitig wollen sie die Integration des Shop Floors und Top Floors durch ein durchgängiges Engineering vorantreiben und die Sicherheit der vernetzten Produktionssysteme durch IT-Lösungen verbessern.

Viele Industriebetriebe werden folglich ihre digitale Transformation in den kommenden Monaten vorantreiben. Dabei werden Unternehmen zunehmend auf Cloud Services setzen, die die meisten Befragten als „Enabler“ von Industrie 4.0 ansehen. Je intensiver sich Betriebe mit Industrie 4.0 auseinandersetzen, desto klarer wird ihnen dies. 25 Prozent der Betriebe planen laut IT-Veranwortlichen daher im kommenden Jahr die Nutzung von Cloud Computing im Rahmen von Industrie 4.0. Die Bedenken sind also in den Hintergrund und die Möglichkeiten stärker in den Vordergrund gerückt.

Sicherheitsvorfälle sind bereits heute alarmierend – Betriebe müssen dringend handeln

Dennoch bleiben der Schutz und die Sicherheit von internen Daten und Know-how für Industriebetriebe sehr wichtig. Gerade bei der Umsetzung einer intelligenten und vernetzten Fertigung muss die Gewährleistung der IT-Sicherheit und Compliance eine Schlüsselrolle einnehmen. Die Anzahl an Sicherheitsvorfällen in den befragten Unternehmen ist allerdings bereits heute alarmierend. 54 Prozent der Fertigungsbetriebe hatten in den zurückliegenden 12 Monaten mindestens einen der in Abbildung 2 dargestellten Sicherheitsvorfälle. Mit steigender Größe der Unternehmen rücken sie öfter in das Fadenkreuz von Cyber-Kriminellen.

„Die Sicherheitsbedenken im Hinblick auf Industrie 4.0 beruhen nicht nur auf ‚German Angst‘, sondern sind ein echtes Problem“, so Schulte. „Entscheidungsträger müssen hier dringend handeln. Sollten Lösungen und Konzepte nicht adäquat umgesetzt werden, wird die IT-Sicherheit zum Show-Stopper für Industrie-4.0-Projekte.“ Dabei sollten aus Sicht von IDC auch Sicherheitskonzepte wie Security by Design, Whitelisting oder Trusted Computing in Erwägung gezogen werden. Technologie wird allerdings nicht das alleinige Heilmittel sein. Sie sollte durch organisatorische Maßnahmen ergänzt werden, um insbesondere das Fehlverhalten von Anwendern zu adressieren.

Technologische Verbesserungen sind der größte Hebel zur Verwirklichung von Industrie 4.0

Als wichtigsten Erfolgsfaktor sehen die Befragungsteilnehmer ausgereiftere Technologien und Lösungen für die intelligente und vernetzte Fabrik an (39 Prozent) – und zwar mit deutlichem Abstand vor Konzepten zur Verbesserung der IT-Sicherheit (26 Prozent), der Unterstützung durch das Management (21 Prozent) oder einer gesicherten Finanzierung (13 Prozent). Dies spiegelt den dynamischen Markt und das sich entwickelnde Ökosystem wider. Industriebetriebe hätten am liebsten Industrie-4.0-Lösungen „out of the box“, die allerdings nur die wenigsten Anbieter aus einer Hand bieten können. Aus Sicht von IDC müssen Anbieter das Tempo bei der Weiterentwicklung ihrer Industrie-4.0-Lösungen dringend erhöhen, Partnerschaften aufbauen und ihre Produkte und Dienstleistungen stärker an den Bedürfnissen der Betriebe ausrichten. Der Aufwand lohnt sich, denn die Anzahl an Unternehmen mit Industrie-4.0-Budget nimmt im Vergleich zum Vorjahr deutlich zu.

Fazit

Der Vergleich mit der IDC-Studie aus dem Jahr 2014 bestätigt: Industrie 4.0 kommt in Deutschland zwar voran, allerdings mit unterschiedlichem Tempo. Während die Fabrikausstatter eine große Chance sehen, neue Umsatzquellen durch vernetzte Maschinen und Anlagen zu erschließen, sind Fertigungsbetriebe noch zu phlegmatisch. Sie müssen sich den technologischen Entwicklungen stärker öffnen und sich auf neues Terrain wagen, wollen sie langfristig erfolgreich bleiben. Das Potenzial der wachsenden CPS-Datenmengen zu erschließen und die Sicherheit im Shop Floor zu gewährleisten, wird hierbei entscheidend sein.

Aber nicht nur die Industriebetriebe, sondern auch die Anbieter von Industrie-4.0-Lösungen haben einiges zu tun. Das Marktumfeld ist für sie sehr attraktiv, in den kommenden Monaten und Jahren sind steigendende Industrie-4.0-Budgets zu erwarten. Zudem werden im Speziellen die IT-Provider von den Industriebetrieben als bevorzugte Industrie-4.0-Anbieter wahrgenommen. Diese vielversprechende Ausgangslage sollten Lösungsanbieter unbedingt nutzen, um zügig Partnerschaften aufzubauen, Komplettlösungen zu entwickeln und sich damit nachhaltig im Markt zu positionieren.

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