Mobilität: Schlüsselfaktor der digitalen Kommunikation

Die Anzahl der Mobilfunknutzer bewegt sich (in Deutschland) schon seit Jahren im Bereich knapp unter 100 Prozent. Der Anteil der Smartphone-Nutzer steigt weiter an, gleichzeitig gibt es inzwischen mehr Haushalte mit mindestens einem Mobiltelefon als mit Festnetzanschluss. Jüngere Zielgruppen bezeichnen ihr Handy schon längst nur noch als „Telefon“, ohne „Mobil“. Dieser Weg scheint auch für das Smartphone vorgezeichnet: Die Anzahl der Nutzer liegt schon jetzt über der Hälfte aller Mobilfunknutzer, für viele sind Telefon, Handy und Smartphone schon jetzt gleichbedeutend.

Hinzu kommt, dass die mobile Internetnutzung nicht auf Smartphones beschränkt ist, sondern beispielsweise auch durch Tablet-Computer in allen Größen, ergänzt durch verschiedene Gadgets möglich ist – man denke nur an die Smart Watch, das aktuell große Hype-Thema.

Immer mehr digitale Angebote werden mobil verfügbar gemacht, die Anzahl der nicht-mobil-kompatiblen Webseiten schwindet zusehends. Inhalte werden idealerweise so flexibel aufbereitet, dass jeder Nutzer sie auf seinem bevorzugten Endgerät optimal dargestellt bekommt. „Mobile first“ ist die Forderung, nicht erst eine Webseite zu erstellen, und dann zu versuchen, die Inhalte an die (kleinere) mobile Darstellung anzupassen, „mobile only“ ist angesichts zurückgehender Verkäufe stationärer PCs die logische Folge.

Darüber hinaus ist mit Apps natürlich Geld zu verdienen, die Zahlungsbereitschaft liegt offensichtlich höher als bei konventionellen Webseiten; das hat seinen Grund auch in den bequemen Zahlungsmöglichkeiten.

Mobilität ist einer von 30 Schlüsselfaktoren der digitalen Kommunikation, die das Institute of Electronic Business, An-Institut der Universität der Künste Berlin gemeinsam mit iDeers Consulting 2013 erstmals erhoben hat. Als Schlüsselfaktoren definieren wir alle Einflussfaktoren, bedeutenden Entwicklungen und umfassenden Trends, die die digitale Kommunikation beeinflussen oder aus ihr heraus entstehen. Die Faktoren wurden in einer mehrstufigen Expertenbefragung erhoben und umfassen die Bereiche Technologie, Kommunikation, Gesellschaft und Politik sowie Wirtschaft. Sie werden laufend überprüft und aktualisiert.

Die Schlüsselfaktoren dienen dazu, das Potenzial der digitalen Kommunikation  sowie wichtige Aspekte und deren Einfluss vor allem auf Wirtschaft, Gesellschaft und Politik sichtbar zu machen. Keiner der Schlüsselfaktoren steht im System „Digitale Kommunikation“ für sich allein; methodisch angelehnt an die Sensitivitätsanalyse nach Frederic Vester lässt sich der Einfluss der Schlüsselfaktoren aufeinander einstufen. Der Schlüsselfaktor Mobilität  ist mit weiteren Schlüsselfaktoren verknüpft und wird von uns mit diesen in Beziehung gesetzt, um ihn aus verschieden relevanten Perspektiven zu untersuchen.

Mobilität <--> Usability & Einfachheit <--> Cloud Computing <--> Schutz der Privatsphäre

Bedienfreundlichkeit wird neben Funktionalität zum Grundanspruch der Nutzer an Technologie. Je mehr Funktionen Anwendungssysteme besitzen, je komplexer sie werden, umso wichtiger wird es, sie nutzerfreundlich und einfach zu gestalten, um einen leichten Umgang zu ermöglichen. Der große Erfolg von iPhone und iPad in allen Altersgruppen lässt sich zweifellos auf diesen Faktor zurückführen. Cloud Computing fördert diesen Faktor,  da es die Grundlage dafür bildet, dass abgelegte Daten endgerätunabhängig verfügbar werden. Basis dafür ist die Auslagerung von IT-Infrastruktur (Daten, Speicherkapazität, Rechenleistung) an eine „Cloud“, eine Serverwolke, in der Inhalte polyzentral gespeichert werden. Unterschiedliche Anbieter stellen hier Lösungen bereit: ob Dropbox oder Amazon, für private und geschäftliche Nutzung.

Aus diesen Faktoren ergeben sich allerdings große Herausforderungen an den Datenschutz und den Schutz der Privatsphäre. Einerseits sind ein vertraulicher Umgang mit und die sichere Aufbewahrung von personenbezogenen Daten demokratisches Grundrecht des Menschen. Andererseits verringert ein restriktiver Umgang mit persönlichen Daten auch die Möglichkeit, Angebote und Services individuell maßzuschneidern. Strenger Datenschutz scheint leider der Einfachheit im Umgang und der Bequemlichkeit im Zugriff auf die eigenen Daten entgegenzustehen. Diesen Zielkonflikt gilt es je nach Nutzungszusammenhang immer wieder eigenverantwortlich zu lösen.

Mobilität <--> Always on – always in touch <--> Medienkonvergenz

Die Verfügbarkeit digitaler Dienste kennt immer weniger räumliche und zeitliche Grenzen. Menschen verändern ihre Mediennutzungsgewohnheiten: immer mehr Nutzer sind pausenlos erreichbar und kommunizieren nahezu lückenlos. Smartphones und Flatrates ermöglichen und fördern den Erfolg dieses Faktors.

Gleichzeitig wachsen Medien wie Fernsehen, Radio, Internet, Zeitung und Buch immer stärker zusammen. Menschen möchten jederzeit das Angebot ihrer Wahl nutzen. Inhalte müssen daher flexibel und kanalgerecht aufbereitet werden; beispielsweise haben E-Books in der Regel keine feste Seitenstruktur aufbereitet, sondern passen sich der Bildschirmgröße des Endgerätes beziehungsweise den Vorlieben des Konsumenten an.

Folge ist ein von örtlichen und zeitlichen Vorgaben unabhängiges, individuelles Medienerlebnis, ganz nach den Wünschen des Nutzers.

Mobilität <--> Always on – always in touch <--> Flexibilisierung der Arbeitswelt <--> Work-Life-Balance

In Folge der Digitalisierung und des Wandels zur Wissensgesellschaft werden traditionelle Arbeitswelten durch flexible Arbeitsmodelle abgelöst. Der Einsatz von Social Software und mobilen Lösungen im Unternehmen unterstützt diese Entwicklung. Das bedeutet in vielen Fällen: Abschied von der Vollzeitfestanstellung, statt dessen Freelancing und Co- und Clickworking. Andererseits ist die Trennung von Arbeits- und Privatleben im digitalen Zeitalter ein Balanceakt, der zunehmend von einer Herausforderung zum Maßstab wird. Flexible Arbeitszeiten, Teamarbeit und Freiräume sind wichtige Punkte bei der Wahl des Arbeitgebers. Unternehmen, die ihren Mitarbeitern die Work-Life-Balance erleichtern, sind entsprechend beliebter bei diesen und können so mit einem Vorteil im „War of Talents“ rechnen – ganz abgesehen von anderen Folgen höherer Mitarbeiterzufriedenheit: Leistungsfähigkeit,  niedrigerer Krankenstand und Verminderung von Burn-Out-Symptomen.

Mehrere Arbeitgeber sind in letzter Zeit mit Regelungen in diesem Zusammenhang an die Öffentlichkeit getreten, etwa VW, Telekom, BMW, Eon, Puma und das Bundesarbeitsministerium. Sofern derartige Regelungen nicht nur weithin eingeführt, sondern auch eingehalten werden, führt der Zusammenhang der Faktoren Always on – always in touch und Flexibilisierung der Arbeitswelt nicht zum „Erreichbarkeitsterror“, sondern indirekt zu einer Verbesserung.

Mobilität <--> Everywhere Commerce <--> Collaborative Consumption

Mit der Allgegenwärtigkeit des Internet ist Konsum eine Tätigkeit, die unabhängig von Geschäftszeiten jederzeit und überall erledigt werden kann. So wird aus „E(lectronic) Commerce“ „Everywhere Commerce“ und schließt sämtliche Vertriebskanäle ein – offline und online. Jeder Point of Interest verwandelt sich in einen Point of Sale: Sobald Interesse an einem Produkt entsteht, kann dieses gekauft werden, inklusive Abruf von Zusatzinformationen und Vergleich von Konditionen und Preisen. Neue Formen der Zahlungsabwicklung werden integraler Bestandteil des Everywhere Commerce. Bezahlen per Smartphone ist längst nicht die einzige Lösung, an der aktuell gearbeitet wird. Es gibt beispielsweise Projekte zum Bezahlen über Gesichtserkennung, Bestätigung über biometrische Daten (Fingerabdruck) und NFC-Kreditkarten zum kontaktlosen Bezahlen.

Teilen statt kaufen, nutzen statt besitzen: Social Media macht Konsum kollaborativ. Einzelne Nutzer verbinden sich über Services, die ihnen erlauben, Güter zu tauschen, zu teilen und weiterzugeben. Nach „Klassikern“ wie Carsharing hält diese Form des Konsums in immer mehr Bereichen Einzug, beispielsweise beim Kinderspielzeug. Ob von professionellen Anbietern betrieben oder über spezielle Plattformen auch von privaten Besitzern („peer to peer“).

In der Folge müssen Nutzer immer weniger Dinge, die sie benötigen, tatsächlich kaufen und besitzen, da sie oft auf ihre Umgebung zurückgreifen können. Und die Barbezahlung entfällt auch, wenn dies bereits vorher über eine App oder online per Kreditkarte erledigt wurde, wie etwa beim umstrittenen Taxidienst Uber.

Mobilität <--> Enterprise 2.0/Social Collaboration <--> Demographischer Wandel <--> Lebenslanges Lernen

Social Media werden im Unternehmen nicht nur zur externen Unternehmensdarstellung genutzt, sondern finden im Enterprise 2.0 auch intern Anwendung.
Sie unterstützen als Social Software die interne Kommunikation sowie Zusammenarbeit und Wissensaustausch im Unternehmen. Es gilt zu beachten, dass für den Erfolg von Social Collaboration Faktoren wie Spaß und Einfachheit der Nutzung eine große Rolle spielen. Hemmnisse wie technische Komplexität oder fehlende Offenheit (Herrschaftswissen) hingegen sind zu überwinden.

Deutschland wird demografisch gesehen älter. Im digitalen Zeitalter bedeutet dies: „Digital Natives“ sind die Generation der Gegenwart, aber relativ zur Bevölkerung eine Minderheit. Das Potenzial der digitalen Vernetzung ist noch nicht hinlänglich ausgeschöpft, vor allem unter den Älteren. Kontinuierliche innerbetriebliche Weiterbildung kann hier Abhilfe schaffen – beispielsweise über einfach zu bedienende Lernsysteme, die mobil und kontextabhängig genau das Wissen liefern, das aktuell gebraucht wird. Es entstehen digitale Bildungsangebote, die den Zugang zu kontinuierlicher Weiterbildung erleichtern und verbessern – neben und im Berufsalltag. Stichwort: Massive Open Online Courses (MOOCs) – ein E-Learning-Format, an dem eine sehr große Anzahl von Nutzern teilnehmen kann, oftmals kostenlos.

Schlüsselfaktor ist die Mobilität

Mobilität ist einer der aktivsten Schlüsselfaktoren der digitalen Kommunikation. Mehrere Faktoren hängen ganz direkt mit ihr zusammen, wären ohne sie nicht denkbar: Always on – always in touch, Digitale Assistenten, Everywhere Commerce ergäben ohne Mobilitätsfaktor überhaupt keinen Sinn. Aber schon die Grundlage der digitalen Kommunikation – die Möglichkeit, Technologien nicht nur als Empfangs-, sondern auch als Sendemedium zu nutzen, ein Medium also, das weitgehend die Grenzen zwischen Sendern und Empfängern aufheben kann – ist dem Telefon viel verwandter als dem Großcomputer der Prä-Internetära.

Ständig und überall jeden erreichen zu können und für jeden erreichbar zu sein, ist inzwischen für viele Menschen alltägliche Gewohnheit, aber auch Fremdbestimmung geworden, die sich bereits in Gegentrends wie Entschleunigung und dem zeitweiligen Rückzug in lokale und immobile Abgeschiedenheit äußern. (ak)

Autoren: Prof. Dr. Dr. Thomas Schildhauer ist Direktor des Institute of Electronic Business an der Universität der Künste Berlin und wissenschaftlicher Direktor von iDeers Consulting; Hilger Voss ist Diplom-Medienberater und Consultant bei iDeers. Gemeinsam mit Thomas Schildhauer hat er maßgeblich an der Schlüsselfaktoren-Studie mitgearbeitet.

RSS Feed

Entdecken Sie die Printmagazine des WIN-Verlags