Industrie 4.0 & IoT, 2. Folge: Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten 4.0

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1. Welche Auswirkungen sehen Sie für die neuen Konzepte Industrie 4.0 und Internet der Dinge auf die klassischen Back-Office-Systeme im Unternehmen? Wie wirken sich die neuen Lösungskonzepte auf die IT-gesteuerten Geschäftsprozesse mittels ERP- und CRM-Anwendungen aus?

 

Jochen Bechtold, Leiter Industriesektor Manufacturing/High Tech bei Capgemini Consulting: IoT- Technologien sorgen dafür, dass die Transparenz sämtlicher Geschäftsprozesse deutlich erhöht wird. Entscheidungsprozesse laufen zunehmend automatisiert, dezentralisiert und beschleunigt ab. Unternehmen rücken anhand digitaler Technologien näher an den Kunden heran, sodass sich dem CRM neue Möglichkeiten eröffnen, wie zum Beispiel eine maßgeschneiderte Kundenansprache und bedürfnisgerechte Angebote. Die zunehmende Vernetzung unter ERP-Systemen führt dazu, dass die Unternehmensgrenzen verschwimmen und neue Arbeitsformen entstehen, zum Beispiel das standortunabhängige Arbeiten in Netzwerken.

 

Raphael Labaca Castro, IT Security Professional bei Eset: Auch wenn wir schon einiges über das Zukunftsprojekt Industrie 4.0 gehört haben und die deutsche  Regierung es mit 200 Millionen Euro fördert, müssen wir zuerst ein paar Hürden überwinden, bevor wir dieses Ziel erreichen. Das Vorhaben hat große Auswirkungen auf die IT-Sicherheit, zumal ein wichtiger Teil der Prozesse auf dem Internet der Dinge und Dienstleistungen basiert, die eine noch geschütztere Infrastruktur, verbunden mit gut geschulten Mitarbeitern, erfordern. Als IT-Security-Profis wissen wir, wie schwer es ist, das Bewusstsein für IT-Sicherheit zu schärfen. Keine leichte Herausforderung also, diesen Aufwand mit einem neuen Konzept wie Industrie 4.0 zu kombinieren, um diesen Schlüsselbereichen eine noch bessere Unterstützung zu bieten.

 

Johannes Diemer, Manager Industrie 4.0 bei HP Deutschland: Industrie 4.0 bringt kurzfristigen und langfristigen Handlungsbedarf. Kurzfristig steht die Konvergenz von Fabrik-IT und Business-IT auf der Agenda. Systembrüche müssen oft auch zwischen verschiedenen Fertigungsstätten beseitigt werden. Das ist die Voraussetzung für durchgängige digitale Abläufe im Sinne von Industrie 4.0. Diese Konvergenz herzustellen, ist aber kein Projekt, sondern eine Transformation. Sie betrifft nicht nur die Technik, sondern auch Organisation, Abläufe und die handelnden Personen. Außerdem werden Kooperationen über Branchen hinweg zum wesentlichen Bestandteil von Wertschöpfungsnetzwerken.

 

Friedrich Vollmar, Manager Technical Sales and Solutions bei der IBM Deutschland GmbH: Industrie 4.0 schafft die technischen Möglichkeiten, individualisierte Produkte zum vergleichbaren Preis eines heutigen Massenprodukts zu erstellen. Die Nachfrage nach individualisierten, personifizierten Produkten wächst weltweit und weitet sich über die Branchen als ein neues Muster der Beziehung zwischen Kunden und Lieferanten aus. Alle Dinge werden über die Zeit in Echtzeit verknüpft zu Kommunikationen und Kooperationsnetzen. Es besteht die Gefahr, dass sich zwischen Produzent und Kunde ein digitaler Intermediär etabliert, der den hochprofitablen Teil der  Wertschöpfungskette an sich zieht und beherrscht (Beispiel: Hotel- und Reiseportale), wenn die klassischen Frontend- und Backend-Systeme nicht vorausschauend  entsprechend verändert werden. Damit entstehen folgende Anforderungen:  
• Eine Produktion von individualisierten Produkten braucht einen entsprechenden feingranularen Support aus den Back-End-Systemen.  
• Aus unbekannten Konsumenten werden bekannte Kunden mit bekannten Wünschen und Profilen.
• ERP- und CRM-Systeme müssen in der Lage sein, diese feine Granularität der Geschäftsvorfälle abzubilden und zu verarbeiten.  
• Der gesamte Geschäftsprozess weitet sich über die gesamte Wertschöpfungskette aus und wird zeitnäher. Dies gilt für die Fertigungsindustrie, besonders aber für die Service-Industrie, die Finanzierung und Versicherung im Gleichtakt, anbieten muss, um nicht gegen spezialisierte Anbieter am Markt zu verlieren (zum Beispiel Pay Direkt als Antwort auf PayPal).

 

Friedhelm Barczik, Research Fellow, Pierre Audoin Consultants (PAC) und Andreas Zilch, Lead Advisor, Pierre Audoin Consultants (PAC): Die klassischen Back-Office-Systeme im Unternehmen, zu denen traditionell ERP und auch branchenspezifische Kernsysteme gehören, werden die neuen Konzepte zum Internet der Dinge integrieren oder zumindest über Schnittstellen anbinden müssen. Für SCM- und CRM-Systeme gilt dies natürlich in besonders hohem Maße, diese waren aber schon immer relativ stark nach außen gerichtet. Bei SCM-Systemen werden zum Beispiel immer mehr Informationen der Vorlieferanten verfügbar sein, die zur besseren Steuerung integriert werden können. Bei CRM-Systemen, die auch für Maintenance-Prozesse eingesetzt werden, können durch zusätzliche Informationen (Sensordaten und Analyse-Algorithmen) die Wartungsprozesse signifikant optimiert werden (Predictice Maintenance). Schon diese ausgewählten Beispiele zeigen, dass Industrie 4.0 und Internet of Things erheblichen Einfluss auf die Backend-IT-Systeme haben. Wie kann aber der Nutzer effektiv und zeitnah diese Potenziale heben?
Auf neue Versionen der bestehenden ERP-, CRM- und SCM-Systeme zu warten, kann keine valide Option sein. Obwohl die Software-Anbieter den Trend erkannt haben und an entsprechenden Weiterentwicklungen arbeiten, wird dies insgesamt unter Berücksichtigung der Lebenszyklen zu lange dauern und auch zu wenig kundenindividuell sein. Eine klare Empfehlung ist also, die Möglichkeiten von Optimierung oder disruptiver neuer Geschäftsprozesse zu identifizieren und dann diese Optionen durch effektive Anbindung zu nutzen. Dies ist dann nötig, wenn die Backend-Systeme bei den neuen Geschäftsprozessen eine wichtige Rolle spielen. Oftmals wird dies aber für die erste Realisierung nicht unbedingt notwendig sein. In diesen Fällen geht Schnelligkeit ganz klar vor optimaler Integration.

 

Udo Schneider, Security Evangelist und Pressesprecher bei Trend Micro: Während „Sicherheit“ in der normalen Office-IT mit „Security“ assoziiert wird, ist es in der Produktions-IT eher „Safety“ (das heißt Arbeits-/Betriebssicherheit). Durch die Verschmelzung der beiden im Kontext von Industrie 4.0 müssen beide Lager nun auch bereit sein, Ziele und Vorgaben der verschiedenen Definitionen von „Sicherheit“ in ihrem jeweiligen Umfeld zu akzeptieren und umzusetzen. Zusätzlich ergeben sich aber auch im ERP- beziehungsweise CRM-Bereich weitere Herausforderungen hinsichtlich der Datenhaltung. Insbesondere wenn Live-Produktions- beziehungsweise Sensordaten beispielsweise in Berechnungen oder Vorhersagen einfließen.

 

2. Welche Rolle spielen Industrie-4.0-Lösungsansätze für Cloud-basierte Technologien? Wie können Unternehmen die Konzepte in vorhandene Mobile-Enterprise-Strategien einbetten?

Jochen Bechtold, Leiter Industriesektor Manufacturing/High Tech bei Capgemini Consulting: Daten werden zu einer der wertvollsten Ressourcen für Unternehmen. Somit werden das strukturierte Speichern von Daten in der Cloud sowie eine zielgerichtete Auswertung unabdingbar. Vernetzte IoT-Geräte („Cyber Physical Systems“) sowie mobile Endgeräte produzieren eine enorme Datenflut. Unternehmen müssen gewährleisten, dass jederzeit und überall auf die Daten zurückgegriffen werden kann, um wertstiftende Serviceleistungen wie zum Beispiel Predictive Maintenance anbieten zu können. Außerdem muss die Sicherheit von Kundendaten in der Cloud und auf mobilen Endgeräten garantiert werden, um das Vertrauen der Kunden gewinnen zu können.

Johannes Diemer, Manager Industrie 4.0 bei HP Deutschland: Und die Antwort ist: eine entscheidende Bedeutung. Denn Industrie 4.0 bedeutet firmenübergreifende Vernetzung von Fertigungsprozessen. Das ist nur über föderative Plattformen und über mobile Computing-Konzepte möglich. Dabei bestehen spezifische Anforderungen je nach Branche beziehungsweise Fertigungsprozess. So hat HP zum Beispiel zusammen mit dem Fraunhofer Institut für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA) eine Community Cloud speziell für kleine und mittelständische Unternehmen des Maschinen- und Anlagenbaus entwickelt.

Friedrich Vollmar, Manager Technical Sales and Solutions bei der IBM Deutschland GmbH: IBM bietet für Cloud-basierte Lösungsansätze von Industrie 4.0 die darauf speziell entwickelte IBM IOT Cloud an. Im Prinzip können alle Industrie-4.0-Ansätze auch in einer Cloud implementiert werden. Es ist bei der Wahl der Cloud unbedingt darauf zu achten, dass eine den Anforderungen von Industrie 4.0 angepasste Zuverlässigkeit, Sicherheit, Resilienz und Ausfallsicherheit gewährleistet wird. Die Anforderungen dazu können extrem hoch sein, sodass eine On-Premise-Verarbeitung häufig von Vorteil sein kann. Es ist einschränkend  zu beachten, dass Telekomprovider keine SLAs für Latenzzeiten anbieten, das heißt, kurze Steuerzyklen erfordern eine Verarbeitung vor Ort. Darüber hinaus gilt, dass die mobilen Datenübertragungsraten mit den anfallenden Daten von zum Beispiel Autos (Erzeugung von über 3,5 GByte/h an Daten bei 2015er-Modellen) ohne Vorverarbeitung heute noch überfordert sind.  
Mobile Konzepte sehe ich im Bereich von After Sales Service und zeitnahen Kundenservices als künftig notwendig. Ein Beispiel: Jüngere Professionals erwarten als Wartungsanweisung mittlerweile eher themengerechte Videos auf Anfrage als eine dicke Bedienungsanleitung. Für die  Generation „Smart­phone“ ist mobiles Online-Verhalten keine Frage, sondern Selbstverständlichkeit. Hier schlummern noch viele, heute noch nicht sichtbare innovative neue Geschäftsideen um Industrie 4.0.

Friedhelm Barczik, Research Fellow, Pierre Audoin Consultants (PAC) und Andreas Zilch, Lead Advisor, Pierre Audoin Consultants (PAC): Cloud- und Mobile-Technologien und Services sind wesentliche Komponenten für den Einsatz und die Realisierung von Industrie-4.0-Initiativen. In den meisten Fällen werden Industrie-4.0-Lösungen nicht ohne den Einsatz von Cloud auskommen. Dies gilt insbesondere für die Übertragung und Speicherung der erhobenen Daten und Informationen, aber auch für die Bereitstellung in den Geschäftsprozessen über PaaS- oder zumeist SaaS-Ansätze. Es wäre fahrlässig, diese neuen Technologien nicht von Anfang an in Betracht zu ziehen.
Für Mobile Solutions gilt dies ebenso. Können Smart-Factory-Ansätze vielleicht noch in einigen seltenen Fällen ohne mobile Connectivity realisiert werden, so ist bei Smart-Services-Initiativen Mobility ein wichtiger Grundbaustein. In den meisten Unternehmen werden dabei die vorhandenen Mobile-Enterprise-Konzepte grundlegend überarbeitet werden müssen. Standen bisher bei den Mobility-Anwendungen oft „Productivity“- und „Collaboration“-Lösungen im Vordergrund, so verschiebt sich der Fokus im Industrie-4.0-Kontext in Richtung „(industrieller) Geschäftsprozesse“. Sind schon die erstgenannten Felder wichtig für die Unternehmen, so sind „mobile Geschäftsprozesse“ oftmals geschäftskritisch. Dies wird dazu führen, dass die Ansprüche an die hier relevanten Mobile Enterprise Solutions deutlich wachsen und Stabilität, Verfügbarkeit und Performance gegenüber dem Preis wesentlich in den Vordergrund rücken werden.

Udo Schneider, Security Evangelist und Pressesprecher bei Trend Micro: Hat man sich erstmal mit der Vernetzung von Produktions-IT und Office-IT angefreundet, so ist die Nutzung von Cloud-Technologien ein logischer nächster Schritt. Damit unterliegen diese Umgebungen aber auch denselben Security-Anforderungen. Das heißt, Lektionen hinsichtlich der Cloud-Sicherheit aus der normalen Office-IT müssen auch auf die Produktions-IT anwendet werden. Dies kann etwa bei Mobile Security eine „No-Trust“-Strategie bedeuten – das heißt, man vertraut Daten oder Geräten nicht mehr implizit und vollumfänglich – eher im Gegenteil. Man konzipiert Prozesse und Vorgehensweisen unter der Annahme, dass Daten oder Geräte kompromittiert sind beziehungsweise sein könnten.

 

3. Wie kann die Absicherung solcher vernetzter Systeme durch IT-Security-Lösungen umgesetzt  werden? Und was sollten Anwender bei der Umsetzung beachten? Welche Bedeutung kommt der Verfügbarkeit von Breitband zu?

Jochen Bechtold, Leiter Industriesektor Manufacturing/High Tech bei Capgemini Consulting: Die Kommunikation zwischen vernetzten Systemen sowie die durch IoT-Geräte produzierten Daten müssen gleichermaßen geschützt werden, zum Beispiel durch Verschlüsselung, starke Authentifizierung oder angemessenen physischen Schutz. Besonders wichtig ist das Umdenken von Herstellerseite. Es müssen angemessene technische Lösungen für die regelmäßige Aktualisierung der IoT-Geräte angeboten und bereits bei der Geräteentwicklung auf Sicherheitsaspekte geachtet werden („Secure by Design“). Anwender sollten für den sicheren Umgang mit IoT-Geräten sensibilisiert werden. Durch Breitbandanschlüsse steigt die Verfügbarkeit des Internets der Dinge, damit aber auch die Risiken, denn Hacker können infizierte IoT-Geräte für Angriffe missbrauchen.
Unternehmen müssen – sektorunabhängig – den massiven Einfluss von IoT-Technologien auf die gesamte Wertschöpfungskette und bestehende Geschäftsmodelle rechtzeitig erkennen und entsprechende Investitionen einplanen. Das Marktpotenzial von IoT-Technologien ist enorm, bis 2020 wird in Deutschland mit Investitionen in Höhe von etwa 11 Milliarden Euro gerechnet. Das eröffnet den Unternehmen vielfältige Möglichkeiten, das bestehende Wertangebot auszuweiten und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, zum Beispiel servicefokussierte Geschäftsmodelle (Smart Solutions), bei denen erweiterte Services über den gesamten Lebenszyklus des Produktes hinweg angeboten werden können.

Raphael Labaca Castro, IT Security Professional bei Eset: Wir müssen einige Maßnahmen ergreifen, wenn wir sehen, wie Informationssicherheit konzipiert ist. Ein grundlegendes Prinzip im Bereich Industrie 4.0 ist die „Smartization“ der Industrie, bei der es in einfachen Worten um die Entwicklung smarter Produkte durch intelligente Prozesse geht, gefolgt von der Speicherung und Verarbeitung riesiger Datenmengen. Diese Infrastruktur sollte sorgfältig gestaltet werden, um ohne Informationsverlust die volle Verfügbarkeit dieses Services zu unterstützen. Endpoint-Schutz, Authentifizierungsverfahren und Verschlüsselung wird sicherlich ein Thementeil sein, der mit Blick auf diesen Industrialisierungsprozess Aufmerksamkeit schafft.

Johannes Diemer, Manager Industrie 4.0 bei HP Deutschland: Sicherheit im Sinne von Betriebs- und Datensicherheit ist die Grundbedingung für die Verbreitung von Industrie 4.0, insbesondere hier in Deutschland. Im Blick auf Sicherheit müssen dabei grundsätzlich die gleichen Strategien angewandt werden wie in einer von Cloud und Mobilität geprägten Business-IT-Umgebung. Sprich: perimeter-fokussierte Sicherheitsstrategien reichen nicht aus, es bedarf Sicherheitsarchitekturen, die den ganzen Lebenszyklus von Daten-Assets schützen. Dabei spielen beispielsweise Verschlüsselung und intelligente Abweichungsanalysen eine wichtige Rolle.

Friedrich Vollmar, Manager Technical Sales and Solutions bei der IBM Deutschland GmbH: Sicherheit ist eine Kernvoraussetzung von Industrie 4.0, die zu etablieren ist, bevor neue Abteilungen der Firma ins Netz gehen. Im Bereich der Fertigung kommen zur Security das Thema Safety und Resilienz dazu. Es gilt, ein Gesamtsicherheitskonzept zu erstellen. Dabei können die etablierten Sicherheitssysteme der IT-Abteilung erste Anhaltspunkte liefern. Da ein hoher Anteil von bekannten Sicherheitsproblemen auf den Faktor Mensch zurückzuführen ist, erscheinen eine gründliche sicherheitsbezogene Schulung der Mitarbeiter, regelmäßige Kontrollen und laufend wiederholte Tests  der Systeme unabdingbar zu sein. Breitband wird die Kapazitäten der Kommunikation steigern, aber nach heutigem Stand des Wissens nicht das Sicherheitsniveau.  

Friedhelm Barczik, Research Fellow, Pierre Audoin Consultants (PAC) und Andreas Zilch, Lead Advisor, Pierre Audoin Consultants (PAC): Die Komplexität und die Anzahl von Security-Anforderungen steigen im Industrie-4.0-Umfeld enorm. Dabei ist zum einen die weitreichende Vernetzung sehr verschiedener Systeme eine Herausforderung, zum  anderen die Kritikalität und Anfälligkeit solcher Systeme gegenüber Security-Lücken und Angriffen. Obwohl Security-Anbieter dies durchaus erkannt haben, stellt insbesondere die Heterogenität der eingesetzten Systeme ein Security-Gesamtkonzept aktuell noch vor unlösbare Probleme. Dies ist bei der Spannbreite der eingesetzten IT-Lösungen von Sensoren und Industrieprozessoren über verschiedenartige Netzwerke, Datenbanken, Middleware bis hin zu Business-Applikationen auch nicht überraschend. Kein Security-Anbieter deckt alle diese Felder auch nur annähernd ab und somit ist für die vorhersehbare Zukunft auch nicht mit einer „Integrierten-Industrie-4.0-Secu­rity-Gesamtlösung“ zu rechnen. Daher ist es notwendig, die einzelnen Disziplinen effektiv abzusichern und gleichzeitig Augenmerk auf die Schnittstellen und Übergänge zwischen den Disziplinen zu legen.  

Udo Schneider, Security Evangelist und Pressesprecher bei Trend Micro: Industrie 4.0 beziehungsweise IoT lebt von Kommunikation – sei es via festverlegten Verbindungen (DSL, Kabelnetz) oder auch mobiler Kommunikation (4G, LTE usw.). Ohne Kommunikation kein Industrie 4.0!
Aus Sicherheitssicht ergeben sich damit aber zwei Abhängigkeiten beziehungsweise Herausforderungen. Auf der einen Seite „erben“ diese Systeme durch die Nutzung allgemeiner Kommunikationsmedien auch deren Gefahren (zum Beispiel Internetangriffe). Auf der anderen Seite ist zu beachten, dass die Nutzung dieser Kommunikationswege unter Umständen eine Auswirkung auf die Qualität der Verbindung hat. Während man bei einer festverlegten „Verdrahtung“ innerhalb der Maschine von definierten Verfügbarkeits- und Antwortzeit-Werten ausgehen darf, ist dies bei „Internet“-Verbindungen nicht der Fall. Dies muss beim Betrieb des Prozesses also auch beachtet werden.

 

4. Welche Chancen räumen Sie dem Markt für Industrie 4.0 und Internet der Dinge ein? Welche neuen Geschäftsmodelle lassen sich damit umsetzen?

Johannes Diemer, Manager Industrie 4.0 bei HP Deutschland: Die vertikale Integration innerhalb der Fertigung nimmt schnell Fahrt auf, und wir werden in den nächsten Jahren viele solche Industrie-4.0.-Anwendungen, etwa vom Typ Predictive Maintenance, sehen. Die horizontale Vernetzung im Sinne der Industrie-4.0-Definition wird länger brauchen. Das liegt unter anderem daran, dass manche organisatorische und rechtliche Rahmenbedingungen erst noch geschaffen werden müssen. Insgesamt lässt sich feststellen, dass die bekannten Industrie-4.0-Anwendungsfälle letzten Endes auf die Verbesserung bestehender Prozesse hinauslaufen. Neue Geschäftsmodelle schaffen wenige. Dabei haben diese das Potenzial, nicht nur das Geschäft einzelner Firmen, sondern komplette Branchen umzukrempeln.

Friedrich Vollmar, Manager Technical Sales and Solutions bei der IBM Deutschland GmbH: Industrie 4.0 wird ermöglicht durch rasche Fortschritte der Mikroelektronik, die nach den Regeln des „Moor‘schen Gesetzes“ Komponenten wie Speicher oder CPUs exponential preiswerter und leistungsfähiger bereitstellt. Der bekannte Faktor 2 (minus Preis, plus Leistung) alle 18 Monate ist mit dem Auftreten des Smartphones eher noch verkürzt worden, besonders für Sensoren, Kameras und Speicher. Wo im ersten autonom fahrenden Auto noch vier Unix-Server notwendig waren im Gegenwert von rund 200.000 US-Dollar (2007), reichen heute Prozessoren in Größe und Preisklasse von Smartphones, die in die Karosserie unsichtbar integrierbar sind. Bekannte technische Möglichkeiten rücken in das Fenster der Wirtschaftlichkeit, neue innovative Lösungen entstehen. Erste neue Geschäftsmodelle sind etwa im Bereich der Mobilität sichtbar, etwa Car To Go. Ich bin sicher, wir stehen vor einer größeren Welle von Innovationen, auch disruptiven Innovationen wie das Beispiel Yetu. Das Berliner Startup entzieht der weltweiten Diskussion um einen SmartHome-Standard den Boden, indem er alle etablierten Standards auf einer eigenen, plattformunabhängigen Anwendung vor Ort bündelt.  Für die Geschäftsmodelle ergibt sich: Wer Zugang zum Kunden hat, hat die Zukunft.  Die heute verfügbaren Netze erleichtern den Zugang zum Kunden, erhöhen allerdings auch den Wettbewerb um seine Aufmerksamkeit. Wer diesen Wettbewerb gewinnt, setzt die Maßstäbe.

Friedhelm Barczik, Research Fellow, Pierre Audoin Consultants (PAC) und Andreas Zilch, Lead Advisor, Pierre Audoin Consultants (PAC): Industrie 4.0 ist die wichtigste Initiative der deutschen Wirtschaft zur Erhaltung der globalen Wettbewerbsfähigkeit  – darin sind sich ausnahmsweise Politik, Wissenschaft und Unternehmen absolut einig. Aber die Entwicklung in Deutschland geht „viel zu langsam“, daher mehren sich schon die kritischen Stimmen, die eben vor dem Verlust der Wettbewerbsfähigkeit und des aktuellen Vorsprungs der deutschen Industrie warnen.  Diese Warnung ist berechtigt, auf der anderen Seite gibt es in Deutschland aber schon eine Vielzahl erfolgreicher Initiativen und Projekte als „Best Practices“ zu verzeichnen. PAC hat in den letzten Monaten diese Business Cases in dem „PAC Innovation REGISTER“ systematisch gesammelt und bewertet.
Die dabei umsetzbaren Geschäftsmodelle lassen sich grob in zwei Kategorien unterteilen: „Business Case improvement“ und „disruptive Business Cases“. Dies soll kurz an einem Beispiel erläutert werden: Wenn ein Maschinenbauer durch Sensordaten und entsprechende Analyse-Algorithmen seine Wartungsintervalle und -prozesse optimiert, so ist dies eine wesentliche Optimierung (Business Case Improvement) und kann zu erheblichen Kosten­einsparungen und Verbesserung der Kundenzufriedenheit führen. Nutzt er die gewonnenen Erkenntnisse, um dem Kunden ein vollkommen neues Angebot zu unterbreiten – im Beispielfall nicht mehr nur das Produkt, sondern den Nutzen „as a Service“, dann ist dies ein „disruptive Business Case“.

Udo Schneider, Security Evangelist und Pressesprecher bei Trend Micro: Langfristig führt für viele Unternehmen kein Weg an Industrie 4.0 beziehungsweise IoE/IoT vorbei. Alleine schon aus dem Gesichtspunkt, den Kunden (Industrie oder Verbraucher) einen direkteren Einfluss als Mehrwert zu bieten, ohne dass dies mit manueller Anpassung einhergeht. Aber natürlich auch, um Lieferketten verschiedener Hersteller und Prozesse zu kombinieren/optimieren – auch um dort eventuell finanzielle Vorteile zu nutzen. Neue Geschäftsmodelle sind definitiv in der Verarbeitung der anfallenden Daten zu sehen. Dies betrifft sowohl die Speicherung als auch Auswertung der Daten. Und so lange es nicht „den einen Kommunikationsstandard“ für Maschinen/Prozesse gibt, werden auch immer noch Lösungen gebraucht und entwickelt, die zwischen den verschiedenen Welten „übersetzen“. (ak)

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