Big Data als Schlüsselfaktor der digitalen Kommunikation

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Das monatliche Datenvolumen des globalen IP-Traffics beträgt aktuell etwa 75.000 Petabyte (1 Petabyte = 1.024 Terabyte) – und verdoppelt sich etwa alle drei Jahre. Der Big-Data-Markt hat sich in den letzten fünf Jahren verfünffacht: von 3,2 Milliarden auf 16,9 Milliarden US-Dollar. Für immer mehr Branchen und Bereiche entstehen Big-Data-Lösungen: im Gesundheitsbereich (schnelles Erkennen und Eindämmen von Epidemien), beim Einkaufen (zum Beispiel Verknüpfung von Online- und Offline-Einkäufen durch den Abgleich von Zahlungsdaten), im Personalbereich (automatisierte Kandidatensuche in sozialen Netzwerken, Auswertung von Tests) – und sogar die Münchener Polizei testet Software zur Vorhersage von Verbrechen auf Basis von Big Data. Werden große Datenmengen (Big Data) durch hoch entwickelte Softwaresysteme nutzbar erschlossen, spricht man auch von Smart Data.

Jeder Internetnutzer hinterlässt im Netz Spuren in Form von Daten. Diese gewaltige Menge an Daten zu verarbeiten, immer größere Speicherkapazitäten bereitzustellen und durch die Verknüpfung dieser Daten verwendbare Informationen zu gewinnen, ist die Herausforderung von und durch Big Data. Die Datenmenge wird immer größer und umfasst alle Arten von im Internet hinterlassenen Spuren: Tweets, Sensordaten, Fotos, Tags, Routenplanungen, Videodaten usw. – absichtlich und nicht bewusst erzeugte Inhalte (Datenspuren, Nutzerverfolgung).

Big Data als Schlüsselfaktor der digitalen Kommunikation

Der Schlüsselfaktor Big Data ist mit weiteren Schlüsselfaktoren verknüpft und wird mit diesen in Beziehung gesetzt, um ihn aus verschiedenen relevanten Perspektiven zu untersuchen.

 

Big Data ist einer von 30 Schlüsselfaktoren der digitalen Kommunikation, die das Institute of Electronic Business, An-Institut der Universität der Künste Berlin, gemeinsam mit iDeers Consulting 2013 erstmals erhoben hat. Als Schlüsselfaktoren definieren wir alle Einflussfaktoren, bedeutenden Entwicklungen und umfassenden Trends, die die digitale Kommunikation beeinflussen oder aus ihr heraus entstehen. Die Faktoren wurden in einer mehrstufigen Expertenbefragung erhoben und umfassen die Bereiche Technologie, Kommunikation, Gesellschaft und Politik sowie Wirtschaft. Sie werden laufend überprüft und aktualisiert.

Die Schlüsselfaktoren dienen dazu, das Potenzial der digitalen Kommunikation sowie wichtige Aspekte und deren Einfluss vor allem auf Wirtschaft, Gesellschaft und Politik sichtbar zu machen. Keiner der Schlüsselfaktoren steht im System „Digitale Kommunikation“ für sich allein; methodisch angelehnt an die Sensitivitätsanalyse nach Frederic Vester lässt sich der Einfluss der Schlüsselfaktoren aufeinander einstufen.
Der Schlüsselfaktor Big Data  ist mit weiteren Schlüsselfaktoren verknüpft und wird von uns mit diesen in Beziehung gesetzt, um ihn aus verschiedenen relevanten Perspektiven zu untersuchen. Einige ausgewählte Beziehungen werden nachfolgend beschrieben.

1. Big Data  <-> Semantic Web

Im Semantic Web werden Daten so verarbeitet, dass  Sinnzusammenhänge geknüpft und inhaltlich verstanden werden können. So bedient das Internet Suchanfragen mit „smarten“ Antworten – auch auf Fragen, die (noch) nicht gestellt wurden. Semantische Annotationen von Webinhalten, etwa durch Tagging, also der „Verschlagwortung“ von Inhalten, oder im Rahmen von Spielen zur Verbesserung der maschinellen Bild­erkennung bilden die Grundlage für ein nahezu kognitives Verständnis für Sinnzusammenhänge durch Maschinen oder künstliche Agenten. Damit ist das Semantic web einer der am stärksten von Big Data abhängigen Faktoren: erst große Mengen dieser Informationen ermöglichen es, dass etwa eine Suchmaschine relevante Antworten findet oder die Anfragen überhaupt erst „versteht“.

2. Big Data  <-> Internet of Things  <-> Digitales Ich  <-> Schutz der Privatsphäre

Im Internet of Things werden die Funktionen des Internets auf reale Objekte erweitert. Diese werden untereinander vernetzt und können so miteinander kommunizieren (Machine-to-Ma­chine-Communication). Im industriellen Einsatz werden so Arbeitsprozesse automatisiert, im Privatgebrauch erleichtert beispielsweise das „Smart Home“ den Alltag: ob beim Kochen, Energiemanagement oder Home Entertainment.
Der Mensch wird um eine digitale Identität, ein Digitales Ich „erweitert“ und bekommt eine eigene Persönlichkeit im Netz, die er beispielsweise durch Social-Media-Profile darstellt, die sich aber auch teilweise seinem eigenen Zugriff entzieht, etwa im Rahmen der Profile anderer Menschen. Als demokratisches Grundrecht des Menschen bedeutet der Schutz der Privatsphäre im Internet einen vertraulichen Umgang und eine sichere Aufbewahrung personenbezogener Daten. Ein restriktiver Umgang mit persönlichen Daten verringert andererseits auch die Möglichkeit, Angebote und Services individuell maßzuschneidern. Diesen Zielkonflikt gilt es, je nach Nutzungszusammenhang immer wieder abzuwägen.

Nutzer versprechen sich von der Digitalisierung eine Erhöhung der Lebensqualität durch die Entlastung von bestimmten Aufgaben und Vereinfachung vieler alltäglicher Tätigkeiten. Aktuell wird in diesem Zusammenhang das Thema der digitalen Selbstvermessung (oder Quantified Self) heftig diskutiert, nicht zuletzt durch den erwarteten Erfolg neuer Smart Watches. Menschen können praktisch ohne weiteres Zutun beispielsweise körperliche Aktivitäten und Funktionen laufend messen – mit den unterschiedlichsten Motiven. Ob aus gesundheitlichen Gründen, etwa zur Überwachung des Blutzuckerspiegels, oder im Sport zur Optimierung des Trainingserfolges. Apps und Internetplattformen zeigen die Mess­ergebnisse an und werten sie aus – und bieten die Möglichkeit, diese in Social-Network-Profile einzubinden. Die Folge sind Massen von Daten, die einerseits dem persönlichen Nutzen dienen, andererseits in unbekanntem Maße missbraucht werden können. Befürchtet wird von den einen ein Quasi-Zwang, solche Vermessungen vornehmen zu müssen (sonst würden zum Beispiel erhöhte Versicherungsbeiträge drohen) – die anderen sehen hier die Möglichkeit, Krankheiten schon im Frühstadium zu erkennen oder überhaupt erst zu erfahren, aus welchen Mustern heraus diese entstehen.

3. Big Data  <-> Internet of Things <->  Lebenslanges Lernen

Industrie 4.0, die „vierte industrielle Revolution“, ist ein nahezu allgegenwärtiges Thema. Im Vordergrund befindet sich der Aspekt der automatisierten Produktion, das Internet der Dinge steht, gemeinsam mit der kontinuierlichen Analyse der unablässig anfallenden Datenmengen, im Mittelpunkt. Andere Aspekte von Industrie 4.0 sind die Gestaltung der Arbeitsabläufe und die Organisation der Zusammenarbeit. Arbeitnehmer sollen von Routineaufgaben entlastet werden und stattdessen eher prozessübergreifende Funktionen einnehmen. Von steigender Bedeutung wird hier die kontinuierliche (betriebliche) Fort- und Weiterbildung: Lebenslanges Lernen. So wie sich Rahmenbedingungen und Anforderungen im ständigen Wandel befinden, hören Mitarbeiter in der Industrie 4.0 nie auf zu lernen – jeder Mitarbeiter ist ein Lernender, nicht nur die Auszubildenden. Lernen wird zum Teil des Arbeitsalltags: Situations- und anwenderorientierte Lerninhalte werden direkt am Arbeitsplatz zur Verfügung gestellt, Vorkenntnisse und Fähigkeiten berücksichtigt. Maschinen und Werkzeuge werden durch das Internet der Dinge zu „Lernzeugen“ – kombinierten Arbeits- und Lerngeräten.

4. Big Data  <-> Transparenz

Im Netz eröffnen sich neue Möglichkeiten der Transparenz im öffentlichen Raum. Der Wunsch nach zuverlässigen Informationen seitens der Bürger steigt und wird durch die digitalen Medienangebote und Plattformen, in denen prinzipiell jeder Internetnutzer eine Stimme hat, verstärkt. Der Umgang mit mehr Transparenz erfordert im Alltag (vor allem bei betroffenen Personen und Unternehmen) aber auch eine Umgewöhnung, dieser Anforderung plötzlich nachzukommen oder ihr offen zu begegnen. In diesem Spannungsfeld wird es weiterhin einen intensiven Diskurs geben. Ein Beispiel sind Open-Data-Initiativen, in deren Rahmen Unternehmen und öffentliche Stellen ihre Daten offenlegen: sei es, um Kunden und Bürgern zu zeigen, was mit ihren Daten passiert oder um diesen eine Gelegenheit zu geben, aus den Daten eigene Innovationen zu kreieren. In den USA haben bereits viele Unternehmen den Nutzen dieser Offenheit erkannt, auch bei uns versprechen sich immer mehr Unternehmen positive Effekte.

Big Data ist einer der meistdiskutierten Schlüsselfaktoren der digitalen Kommunikation. Viele Faktoren hängen eng mit Big Data zusammen – entweder, weil sie ohne kaum bestehen könnten (zum Beispiel das Semantic web), oder weil sie selber extrem viele Daten erzeugen: Internet of Things und Social Media (Interaktivität und Partizipation, Digitales Ich) fallen besonders ins Auge. Angesichts weiter exponentiell wachsender Datenmengen wird der Faktor Big Data noch lange Zeit von größter Bedeutung bleiben. (ak)

Autoren: Prof. Dr. Dr. Thomas Schildhauer ist Direktor des Institute of Electronic Business an der Universität der Künste Berlin und wissenschaftlicher Direktor von iDeers Consulting.
Hilger Voss ist Diplom-Medienberater und Consultant bei iDeers. Gemeinsam mit Thomas Schildhauer hat er maßgeblich an der Schlüsselfaktoren-Studie mitgearbeitet.

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