"Europäische Cloud-Strategie ist für Wirtschaft und Arbeitsmarkt wichtig"

Passend zum diesjährigen Motto „Cloud Business im Dialog“ EuroCloud Deutschland Conference standen vor allem aktuelle Cloud-Business-Modelle, die Cloud-Akzeptanz bei den Anwendern sowie Cloud-Sicherheit und Datenschutz im Fokus der Teilnehmer. Die Konferenz nahm digitalbusiness CLOUD für ein Gespräch mit Andreas Weiss zum Anlass, der als Direktor der EuroCloud Deutschland_eco e.V. seit dessen Gründung 2010 die Aktivitäten des Verbands leitet.

digitalbusiness Cloud: Welche Zielsetzungen haben Sie sich mit EuroCloud Deutschland gesetzt, oder anders gefragt, worauf möchten Sie Ihr besonderes Augenmerk legen? Wo sehen Sie die größten Anforderungen an den Verband durch neue Entwicklungen und Themen, zum Beispiel die Abhörskandale durch Geheimdienste und Wirtschaftsspionage?

Andreas Weiss: Im Kern geht es darum, Cloud Computing in seinen zahlreichen Facetten verständlich zu machen und Hilfestellung bei der Klärung grundlegender Fragen aus den Bereichen Recht, Sicherheit und Datenschutz zu geben. Mit der Veröffentlichung von Leitfäden, der Organisation eigener Veranstaltungen und der aktiven Teilnahme an zahlreichen Events konnte EuroCloud Deutschland einiges dazu beitragen. Hinzu kamen die intensive Beteiligung an nationalen und internationalen Cloud-Initiativen, die Einbindung in das europäische EuroCloud-Netzwerk und die Mitwirkung an der Umsetzung der europäischen Cloud-Strategie.

Diese Grundlagenarbeit hat die erste Zeit stark geprägt und war notwendig, um eine ausreichende Akzeptanz für Cloud Computing in der deutschen Wirtschaft zu erreichen. Durch die Erkenntnisse aus dem Späh-Skandal sind die Fragen zur generellen IT-Sicherheit und des Datenschutzes in das Zentrum der Diskussion gerückt. Genau hier bieten  professionelle Cloud-Anbieter einen wesentlich besseren Schutz und IT-Anbieter in Deutschland sind zudem schon seit Jahren mit den besonderen Datenschutzanforderungen vertraut. Mit dem EuroCloud Star Audit haben wir die relevanten Anforderungen für vertrauenswürdige Cloud-Anbieter und Services definiert. Über diesen Weg lassen sich die meisten Fragen zur Auswahlentscheidung einfach beantworten.

Die weitere Herausforderung besteht nun darin, die vielfältigen Cloud-Service-Angebote im Blick auf die konkreten Anforderungen der Anwender darzustellen. Dazu gehören Praxisbeispiele und die konkrete Unterstützung der Anwender bei der Integration von Cloud Services. Wichtig ist es hierbei, die fachlichen Bedürfnisse der Kunden zu erkennen und die Lösungsangebote darauf hin zu optimieren.

digitalbusiness Cloud: Kürzlich fand die 4. EuroCloud Deutschland Conference des EuroCloud Deutschland eco e.V. statt. Welche neuen Erkenntnisse konnten Sie aus den zahlreichen Vorträgen zu den Themen wie „Cloud-Business-Modelle“, „Cloud-Akzeptanz“ sowie „Cloud-Technologien, Sicherheit und Datenschutz“ gewinnen? Was war für Sie der überraschendste Vortrag?

Andreas Weiss: Unser Motto „Cloud Business im Dialog“ war bewusst auf die geschäftlichen Aspekte ausgerichtet. Uns ist es wichtig, dass die Branche ein noch stärkeres Bewusstsein für die Marktanforderungen aufbaut und sich im internationalen Wettbewerb differenziert. Cloud Computing ist keine Technologie, sondern spiegelt den Trend zur bedarfsgerechten und kosteneffizienten Modernisierung von Geschäftsprozessen und IT-Ressourcen wider.

Eine überraschende Erkenntnis war, dass auch Infrastrukturangebote aus Deutschland preislich durchaus wettbewerbsfähig und zum Teil sogar günstiger als die der Global Player zu beziehen sind. Dennoch ist es unerlässlich, weitere differenzierende Merkmale herauszustellen und diese konsequent zu erweitern.

Bei der Diskussion zur Cloud-Akzeptanz waren sich die Teilnehmer einig, dass der Begriff Cloud Computing noch lange erhalten bleibt, es aber noch erheblichen Handlungsbedarf bei der Vermittlung der umfangreichen Möglichkeiten und der zielgruppengerechten Darstellung von Anwendungsfällen gibt. Hilfestellung geben hierzu die zur Veröffentlichung anstehende Studie „Cloud Akzeptanz 2014“ und der Leitfaden „Cloud Computing – Effiziente Kundenkommunikation“ aus der EuroCloud-Kompetenzgruppe „Cloud Akzeptanz“.

digitalbusiness Cloud: Kommen wir nochmals auf das Thema Datenschutz und IT-Sicherheit zurück. Welche Zukunft räumen Sie der E-Mail als eines der wichtigsten beruflichen Kommunikationsmittel ein, insbesondere im Jahr eins nach den Enthüllungen von Edward Snowden?

Andreas Weiss: Schön, dass Sie es ansprechen. Die Nutzung von E-Mail als Teil der Geschäftskommunikation ist ein Paradebeispiel dafür, wie undifferenziert oftmals die Frage der Sicherheit und Vertraulichkeit bei vielen Anwendern gesehen wird. Anstatt vertrauliche Informationen per E-Mail zu senden, sollten diese doch direkt in sichere, gemeinsame Datenräume gelegt werden, die mit bilateral abgestimmten Zugangssicherungen versehen sind. Ich kenne sehr viele Beispiele, bei denen höchste Sicherheitsanforderungen von Daten in der Cloud verlangt werden, die gleichen Daten aber sehr sorglos in die E-Mail eingebunden werden. Wer dabei dachte, das bei der Menge der E-Mails diese eine nicht von fremden Dritten in den Zugriff genommen werden kann, wurde mittlerweile eines besseren belehrt.

digitalbusiness Cloud: Zu diesem Themenkreis gehört auch die Vorratsdatenspeicherung, die gerade vom Europäischen Gerichtshof für ungültig erklärt wurde. Wie lassen sich für Unternehmen unverhältnismäßige Belastungen vermeiden und welche Zukunft sehen Sie für die Vorratsdatenspeicherung?

Andreas Weiss: Wir lehnen die anlass- und verdachtsunabhängige Vorratsdatenspeicherung aus grundsätzlichen Erwägungen ab. Die anlasslose Speicherung sämtlicher Verkehrsdaten der Nutzer elektronischer Kommunikation ist weder verhältnismäßig noch gerechtfertigt. Die mit der Speicherung verbundenen Grundrechtseingriffe, aber auch die Kosten für die Unternehmen, stehen in keinem Verhältnis zum behaupteten, aber nicht belegten Effektivitätsgewinn bei der Strafverfolgung.

digitalbusiness Cloud: Ein weiterer Trend, mit dem sich EuroCloud Deutschland eco e.V. auseinandersetzt, ist das Internet der Dinge. Analysten sehen hier ein großes Wachstumspotenzial. Wie ist Ihre Einschätzung zum künftigen Potenzial dieses neuen Konzepts?

Andreas Weiss: Das Wachstumspotenzial ist groß. Stand heute ist das Potenzial allerdings überschaubar, da noch jeder Hersteller in seinem Bestreben, sich von seinem Mitbewerber zu differenzieren, seine eigenen Standards sucht durchzusetzen. Diese Standards sind notwendig, um Prozesse mit mehreren Maschinen optimal aufeinander abstimmen zu können. Nur wenige Branchen können auf einen homogenen Maschinenpark zurückgreifen – die meisten sind von gemeinsamen Standards abhängig.

digitalbusiness Cloud: Wie wird sich Ihrer Einschätzung nach der Cloud-Markt in Deutschland in den nächsten Jahren weiterentwickeln? Wie können und wollen Sie auf Politik und Wirtschaft einwirken, wenn es um neue rechtliche und technische Rahmenbedingungen geht?

Andreas Weiss: Die Europäische Kommission hat deutlich hervorgehoben, wie wichtig die konsequente Umsetzung einer Europäischen Cloud-Strategie für die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt in Europa ist. Dazu gehört auch der Aufbau eines einheitlichen digitalen Marktes. Die Potenziale von Cloud Computing können sich auf Dauer nicht innerhalb von Landesgrenzen erschließen.

Riesige Herausforderungen wie zum Beispiel die Energiewende oder der Aufbau intelligenter Verkehrsleitsysteme – egal ob wir über Internet der Dinge, Industrie 4.0 oder Big Data sprechen, alle diese Konzepte werden ohne Cloud Computing nicht umsetzbar und erst recht nicht bezahlbar sein. Die Schere zwischen der gelebten IT-Wirklichkeit und der gesetzlichen Sichtweise geht immer weiter auseinander.

Genau hier arbeiten wir auf nationaler und internationaler Ebene mit den relevanten Initiativen und Gremien zusammen und weisen auf solche Sachverhalte hin mit dem Ziel, angemessene und praktikable Lösungsvorschläge zu erarbeiten.

digitalbusiness Cloud: Neue rechtliche und technische Rahmenbedingungen müssen von Anbietern und Anwendern auch entsprechend umgesetzt werden. Auf welche Weise unterstützt EuroCloud Deutschland eco e.V. seine Mitglieder bei der Umsetzung neuer Normen?

Andreas Weiss: Die ETSI hat im Auftrag der EU und unter Beteiligung von EuroCloud eine Bestandsaufnahme geltender Cloud-Standards durchgeführt und veröffentlicht. EuroCloud wird die Entwicklung natürlich weiter begleiten, denn Interoperabilität und Datenportierbarkeit sind für Cloud-Kunden wichtige Kriterien.

EuroCloud engagiert sich dafür, die Transparenz im Datenschutz und bei rechtlichen Rahmenbedingungen zu erhöhen und arbeitet aktiv bei der Schaffung einheitlicher europäischer Standards und Vertragstemplates mit. So engagiert sich der Verband in den Arbeitsgruppen der EU-Kommission (EU Cloud Select Industry Group), bei denen schwerpunktmäßig die Themen Zertifizierung (Certification), Servicevereinbarungen (SLA – Service Level Agreement) und Datenschutzverpflichtung (Code of Conduct) aufbereitet werden.

Viele Mitglieder aus unserem Verband sind Betreiber und Entwickler von Infrastrukturen und neuen Diensten. Mit den im eco Data Center Star Audit und EuroCloud Star Audit berücksichtigen Standards und Normen wird den Mitgliedern und Anbietern die nötige Orientierung geboten.

digitalbusiness Cloud:  Blicken wir abschließend in die Zukunft: Laut dem „Trendreport 2020“ des eco wird im Jahr 2020 der biometrische Fingerabdruck die PIN bei Bankgeschäften ablösen. Werden sollen Techniken dann auch die Arbeitswelt erreicht haben? Und wie steht es 2020 um die Datenwolke?

Andreas Weiss: Die erst kürzlich bekannt gewordenen Passwortdiebstähle zeigen doch, wie riskant die ausschließliche Nutzung von Passwörtern ist und dass der Einsatz von Mehrfaktorauthentifizierung wie zum Beispiel Mobil-TAN oder der Einsatz biometrischer Verfahren einen erheblichen Sicherheitszugewinn darstellt.

Die Entwicklung der Datenwolke ist heute nicht abzuschätzen. Es ist schon technisch möglich, mit einer Webcam kontinuierlich die Bewegungen jedes einzelnen Blattes eines Baumes und jeden Baumes in einem Wald aufzuzeichnen und somit auch auszuwerten. Wir haben sogar genug IP-Adressen, um jeden Baum und Strauch damit zu versorgen und damit zu einer Ressource für Datenquellen zu machen. Für Wetterschätzungen, Ernteerträge, Lebensmittelqualität und Rückverfolgbarkeit oder Beschattungseffekte. Hier werden völlig neue Anwendungen möglich, auch weil sie die Datenschutzrechte von Menschen nicht tangieren. Wir stehen erst am Anfang der Datenwolke und ganz neuer Entwicklungsmöglichkeiten.

 

eco Trendreport 2020: Smartphone-basierten Zugangssystemen und Biometrie gehört die Zukunft

Experten gehen davon aus, dass die PIN zum Geldabheben am Bankautomaten bis zum Jahr 2020 von biometrischen Scans wie Fingerabdruck, Iris- oder Gesichtserkennung abgelöst wird. Dies geht aus dem aktuellen „Trendreport 2020“ des eco – Verband der deutschen Internetwirtschaft e. V. hervor. Demnach gehen 49 Prozent der befragten 100 IT-Experten davon aus, dass die Ablösung der PIN bis 2020 erfolgen wird.

Laut dem Trendreport nimmt auch die Relevanz herkömmlicher Schlüssel, wie sie heute noch zum Beispiel für Autos oder Haustüren verwendet werden, drastisch ab. Wie 89 Prozent der befragten IT-Experten meinen, werden diese bis 2020 zunehmend durch Smartphones, Transponder und Chipkarten ersetzt. So ist es zum Beispiel schon heute möglich, Türen mit einer App zu öffnen. Ein solches, smartphonebasiertes Zugangssystem, das auf der NFC-Technologie basiert, wurde mit Key2Share bereits vom Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie (SIT) entwickelt.

Der eco Trendreport ist kostenlos abrufbar unter: www.eco.de/veroeffentlichungen.html

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